Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 315 (sequence 335)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--5295-2612645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 Kops und wehrt sie mit der Hand ab. Sie sind noch nicht da — Blüthenkelche öffneten sich, die bis dahin verschlossen waren, aber die Menschen schritten noch hinweg über sie.... Dann erhob sie sich wieder und zündete die Kerze an. War auch ihrer Seele das Licht aufgegangen? Dann lauschte sie noch einmal an der Schlaskammer ihres Mannes und schlich hieraus unhörbar zur Stube hinaus. Draußen auf der Bank unter dem Baume saßen die Zwei, Christian und Lea. Sie vernahmen es kaum, daß die Mutter vor ihnen stand. Sarah setzte sich an das eine Ende der Bank. Rings herum waltete tiefe, schweigende Nacht. „Christian," begann Sarah nach einer Weile — „hast Du noch eine Erinneruug davon, wie deine Mutter ausgesehen hat?" „Nein!" „Was meinst Du, wenn deine Mutter heute noch lebte, und Du kämest zu ihr, wie Du zu mir gekommen bist und sagtest ihr, was Du zu mir gesagt hast — ich meine das mit Lea — was für eine Antwort möchte sie Dir geben? Antworte mir nicht gleich und denke nach." „Ich weiß nicht, Mutter." „So will ich Dir es sagen, Christian! Deine Mutter hätte nur Einen Wunsch, und der wäre, Du möchtest einen Stein an deinen Hals binden und Dich damit in die Zser werfen, da, bei den Ziegelhütten, wo sie am tiefsten ist." Christian stieß zwei Namen hervor, die den Inbegriff des Heiligsten für ihn, des Gottessohnes und seiner Mutter, bildeten. „An dem Schrecken, mit dem Du diesen Ausruf thust," sagte Sarah, „sehe ich erst wie Recht ich habe. Deine eigene Mutter, Christian, hätte Dir keine andere Antwort gegeben." Sie legte die Hand auf die Schulter Christians und fuhr in milder, fast geflüsterter Rede fort: