Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 314 (sequence 334)
- Language
- German
- Belongs to
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314 mehr die gebrochene Sarah, die einen Augenblick zuvor in muthloser Bangigkeit ihr Haupt vor dem nahenden Sturme geborgen! Sie hatte sich in die Hohe gerichtet, ein kühner Muth leuchtete aus ihren Blicken, und um ihren Mund spielte ein Zug von Troß, der auf Unbeugsamkeit eines Entschlusses hindeutete. „Za, mein guter Mann!" rief sie gegen die Kammerthur gewandt, „Du sollst bald wieder deine Ruhe haben. Du sollst deinen Schwur nicht zu bereuen haben." Und als Christian sie verwundert ansah, sagte sie kurz und bestimmt: „Du kannst nicht in der Stube bleiben, Christian! Geh' hinaus und setz' Dich draußen auf die Bank unter dem Nußbaume — Ich will in einiger Zeit zu Dir hinauskommen und dann wollen wir mit einander reden." „Darf ich mit ihm gehen?" fragte Lea. „Ja, mein Kind, Du darfst—" sagte sie nach einigem Ueberlegen. Jetzt war sie allein! Erst schlich sie auf den Zehen an die Thür der Kammer und lauschte. Sie konnte die Athemzüge des ruhig Schlummernden deutlich vernehmen. Dann setzte sie sich an den Tisch in den alten Lehnstuhl, löschte das Licht aus und saß nun da, der Nacht und ihrem Sinnen hingegeben allein, ganz allein! Was in ihr vorging? Wer wollte sich erkühnen, dem Gedankenleben dieser einsamen Nenschenseele auf den Grund zu sehen, deren Wehe nur dem Auge des allwaltenden Weltgeistes offenbar vorlag? Da sitzt Sarah, die einfältige Frau eines Gemeindedieners in einer stillen böhmischen „Gasse", aber das was sie denkt, ist mit Flammenzeichen in die Geschichte des Menscheiithumes eingetragen, Blut und wieder Blut bezeichnet seine Bahn, und der letzte Athemzug gemordeter und zu Tod gehetzter Geschlechter weht sie an. Lichtere Zeiten und Menschen dämmerten vor ihr auf, sie schüttelt aber den