Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 313 (sequence 333)
- Language
- German
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313 W es mir nicht mehr Ruhe gelassen; ich muß wissen, was aus Lea werden wird — Ich kann nicht leben und nicht sterben, wenn ich das nicht weiß —" „Schweig, schweig, Christian!" rief Sarah, auf's Neue erschreckt von der Glut dieser niegehörten Sprache. „Aber ich will nicht Soldat werden, ich hacke mir einen Finger ab, da sollen sie dann sehen, ob ich ein Gewehr laden kann — ich gehöre in dein Haus, Mutter, und Lea gehört mir — Ich lasse mir sie nicht nehmen, und hier will ich bleiben und will kein Soldat sein." Sarah saß da, geknickt und gebrochen, sie hörte den gewaltigen Orkan um ihr Haus brausen, im nächsten Augenblicke konnten sie Alle, die es beherbergte, unter seinen Trümmern begraben sein. „Und das Alles," tönten tausend Stimmen in ihr, „hättest Du vermeiden können, wenn Du nicht Dir, sondern der Welt gefolgt hättest. Jetzt bricht Alles zusammen!" Sie seufzte tief auf. „Das ist die schwerste Stunde meines Lebens! Gott helfe mir darüber," flüsterte sie halblaut. Zn demselben Augenblicke rief Lea, die bis dahin nur die Mutter und Christian hatte sprechen lassen, nach der Thür weisend: „Still! der Vater ist erwacht." Und in der That drang aus der Kammer, worin Wolf Ungar schlief, die oftgehörte Redensart des kranken Mannes, wie sie schon seit Jahren auf seinen Lippen saß: „Auseinanderreißen—es ist gegen die Natur — und das ist das Unglück der Babe — mit der Granatenschnur —" Niemals hatten diese wenigen Worte, die ihr doch aus langer Gewohnheit zu wesenlosen Begriffen geworden waren, so wunderbar licht und verständnißvoll geklungen! Wie unter einem belebenden Hauche erhob sich die Ermattung ihrer Seele; das war nicht