Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 326)
- Language
- German
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306 wie kaum eines ist in der Gasse, sollte das nicht ein Fingerzeig von Dir sein, daß ich recht gehandelt habe? Und hätte ich anders handeln können, wenn das Kind von Einem in der Gasse und nicht HonLa Schusters Kind gewesen wäre? Wie kommt da das fremde Blut ins Spiel? Du weißt es, Allmächtiger, ich habe ihn nicht abwendig gemacht dem Glauben, den seine Eltern gehabt haben, weil ich es nicht ertragen könnte, daß Jemand mein Kind, was Du behüten und beschützen mögest, deiner heiligen Religion entführen möchte. Ich habe ihn in Zucht und Sitte aufgezogen, ich habe über ihm gewacht und es ist ein rechtschaffener Mensch aus ihm geworden. Eine Blume, die auf dem Weg liegt, hebt man auf, damit sie nicht zertreten wird, das frierende Bögelchen nimmt man zu sich, damit es draußen in der kalten Lust nicht umkommt, und ich hätte mich eines Kindes nicht annehmen sollen, eines Menschen , der ein Bild ist von deinem Bilde und ein Abglanz von deiner Herrlichkeit und Pracht? —" So betete die starkmuthige Seele dieser Frau in den Stunden der Betrübniß, und es that ihr wohl. Konnte sie doch dabei nebst dem Leide, das sie täglich und stündlich mit hohlen Augen anstarrte, ihres Christians gedenken, der auf einen bloßen Wunsch von ihr in die weite Welt gegangen war, ohne daß sie wußte, wo er jetzt weilte. Warum hatte sie ihn gehen lassen? Und so oft sie des Abwesenden gedachte, kamen ihr aus seiner Kindheit jene Lichttage in Erinnerung zurück, an denen das eigentliche Wesen des Kindes einer gewissen Entwicklung entgegengegangenwar. Vorzüglich ruhte ihre Erinnerung auf jenem Abende, wo sie mitLea das Nachtgebet verrichtete und Christian weinte, und sie den Entschluß faßte,... das Kind zu der alten BoLena zu schicken. Noch jetzt machte dieser Gedanke ihre Wangen von hoher Glut entbrennen, sie war stolz darauf, daß sie ihn ausgeführt, was wäre sonst aus Christian geworden? Wurde er nicht dadurch gleichsam befähigt, jene Doppelstellung im Leben einzu-