Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 327)
- Language
- German
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307 nehmen, daß er dem Wese» beider Glauben nahe genug stand, um dem einen, dem er durch seine Geburt gehörte, mit aller Kindlichkeit anzuhängen, während ihm der andere das Verständniß seiner innersten Wesenheit erschloß?... Es waren wieder zwei Jahre vergangen. Für Sarah und Lea war diese Zeit ein einziger langer Tag voll einförmigen Leides, dem keine Erhebung und Aufrichtung folgte. Die Eine vergaß am Krankenbette des Mannes, daß es draußen noch ein Leben gab, die Andere mit abgehärmten blassen Wangen wußte wohl von einem Leben da draußen, aber der es ihr bieten sollte, befand sich in weiter Ferne, und alle Sehnsucht vermochte ihn nicht herbeizuführen! In einer Sommernacht saßen Mutter und Tochter, während Wolf in der angrenzenden Kammer schon schlief, beim Scheine einer einsamen Kerze und nähten — eine traurige Beschäftigung für ohnehin gedrückte Menschen, an den Sterbekleidern für eine vor zwei Tagen in der Gasse verstorbene Frau, die am darauffolgenden Morgenbegraben werden sollte. Lange schwiegen dieZwei; eine Jede spann ihre eigenen Gedankenfäden und die gaben kein heiteres Gewebe. Da sagte Sarah: „Eines wundert mich sehr von der Channe Klattauer, mit der der Friede sei, daß man nach ihrem Tode keine „Tachrichim" (Sterbekleider) nach ihr gefunden hat. Ich kann doch nicht denken, weil sie reich war und hat Alles in Hülle und Fülle gehabt, daß sie darum vergessen hat, aus die letzte Stunde zu denken?" „Das ist nur bei uns Juden," meinte Lea, indem sie die Arbeit ruhen ließ, „daß Einem der Tod vorschreibt, man darf keinen Augenblick sich einen Spaß mit ihm machen. Muß ich gleich ans Sterben denken, wenn ich meinen Kasten aufmache? Christian hat mir einmal erzählt, bei ihnen wäre das anders-" „Ein Jeder thut, wie es ihm am besten dünkt," unterbrach sie Sarah mit mehr Strenge, als sie sonst in ihre Vorwürfe legte. so *