Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 266 (sequence 286)
- Language
- German
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266 mußt Du ihm noch etwas von deiner „künftigen Welt" geben, die Du doch erringen willst, wenn Du einmal gestorben bist?" Dann sah sie wieder auf den schlummernden Knaben und lauschte seinen Athemzügen. „Duldendem sie cs?" folgte eine andere Stimme. „Möchten denn sie, wenn meine Lea, was Gott behüten und beschützen möge, an Christians Stelle wäre und HonLa Schusters Weib hätte sich ihrer angenommen, wie ich mich des Kindes angenommen habe, möchten sie meinem Kinde erlauben, was ich dem verlassenen Christian erlaubt habe? Ich sehe cs ja, wie sie es machen. Wenn eine Prozession vorüberzieht, muß ich mich schnell in ein Haus zurückziehen, damit sie mein Anblick nicht beleidigt, und wenn der Geistliche mit dem Glöckchen zu einem Sterbenden geht und Alles kniet nieder, muß ich mich da nicht verbergen, weil ich nicht knien darf und will? Ob sich Einer wohl finden wird, der ruhig anhört, wie meine Lea das „S'chmah Israel" hersagt, und an der Wand hängt der heilige Johannes von Nepomuk?" Es läßt sich wohl sagen, daß diese Frau, während sie so sann und grübelte, die Fitkige jenes Geistes an sich rauschen hörte, von dem wir gewöhnlich annehmen, daß er sich nur auf die Häupter gewaltig begabter Menschen niedersenkt. Wie sie so dasaß dieses Weib des Gemeindedieners Wolf Ungar, das Gemüth in schmerzlichem Ringen und Widerspruche mit sich selbst, hämmerten in ihren Pulsen die Fragen einer Zeit, die deren Lösung einem glücklicheren Geschlechte bringen wird, die Erbschaft des innerlich und äußerlich frei gewordenen Menschenthumes! Oder war dieser lichte Geist an Sarah nur hinangetreten, um sie nach einer Stunde ungeahnter Erhebung eben so schnell wieder zu verlassen? Es war spät in der Nacht, und die aufgeregte Gedankenflut wogte und kam noch immer nicht zur Ruhe. Aber Sarah's Gemüth war so geartet, daß es mit bloßen Verneinungen zu keinem Ab-