Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 285)
- Language
- German
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265 „Meinst Du Das?" sagte Christian, und ehe es sich Sarah versah, hatte das Kind über Kopf und Brust jenes Zeichen gemacht, wie sie es so oft an Bauern und Bäuerinnen sah, wenn sie der Weg durch die Gasse führte, die Mittagsglocke erscholl, und sie für eine Weile stillestanden! Sarah war tief erschrocken, all' ihr Blut strömte zum Herzen zurück. In ihrer Stube! kurz nachdem sie mit ihrem eigenen Kinde das „S'chmah Jsroel" gebetet hatte! Die Enkelin der Babe Breindel und das Weib des Gemeindedieners Wolf Ungar! und so heftig war ihre Erschütterung, daß sie in einer Art Betäubung dasaß, und keines Wortes fähig war. Wir können es nicht verhehlen, es war ein Augenblick des tiefsten Wehes über Sarah gekommen; nicht allein das Hineinragen fremder religiöser Vorstellungen in die bisher unangetastete Welt ihres angeborenen Glaubens war es, was sie erschreckte, es war auch ein Gedanke, der sie mit kaltem Schauer überlief, daß das Kind, dem sie eine mütterliche Stätte in ihrem Hause gönnte, schon ein Zahr daselbst weilte. . ohne noch einmal gebetet zu haben! Noch lange nachher saß Sarah am Bette Christians, der mittlerweilen eingeschlafen war, und gab sich jenem eigenthümlichen Sinnen hin, das einem stillen, unergründlichen See gleicht. Aber der hineingeworfene Stein erzeugt immer weitere und weitere Kreise. Längst ruht der Gegenstand, der diese Störung verursacht, auf dem Grunde des See's und die Oberfläche der Flut ist noch nicht beruhigt, die alten Kreise ziehen immer mehr neue nach sich. „Was werden sie von mir denken," tönte eine nicht zu beschwichtigende innere Stimme, „daß Du so was in deinem Hause duldest? Hat Dich darum deine Mutter geboren, und ist Wolf Ungar darum dein Mann geworden? Schickt sich das für das Enkelkind der frommen Babe Breindel? Ist es denn nicht genug, daß Du dem Kinde zu essen und zu trinken und ein Bett gibst, worin es schläft,