Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 279)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-2609298--5239-2612589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 lange Zeit hindurch selbst ihrem milden Wesen nicht weichen wollte. Meist hielt er sich schmollend und grollend in einer Ecke der Stube auf, und dort war es, wo die kleine Lea, seine alte Gespielin, ihn aufsuchen mußte, wenn sie für ihre „Tetta" (Puppe) einer männlichen Beihilfe bedurfte. — Was ging in dem Kinde vor? War es bangende Sehnsucht nach den in den Fluten untergegangenen Eltern? die fremde Luft, die es athmete? die eigenthümlichen Laute des Jargons, die es jetzt unausgesetzt vernehmen mußte? Wem dieses Benehmen des Kindes am tiefsten zu Herzen ging, war seltsamer Weise nicht Sarah, sondern ihr Mann. Wolf Ungar liebte seine Frau, wie man das Weib seiner innersten Neigung liebt; er hatte auf die Thora geschworen, daß er mit keiner Bewegung in die Verpflichtung eingreifen wolle, die sie in jener düstern Nacht vor der heiligen Bundeslade sich aufgebürdet hatte. Was hatte sie nun davon? Bon dem bösen Gerede abgesehen, das diesen Schritt Sarahs für einen unüberlegten, ja in der „Gasse" unerhörten bezeichnet, war ihm das Kind eine Last, das ihm überall im Wege stand, auf das er eifersüchtig werden konnte, wenn er sah, welch' vergebliche Mühe Sarah, sein Weib, sich gab, um das verstockte Gemüth des fremden Knaben für sich zu gewinnen. Er kam einmal dazu, als Christian mir geballter Faust nach Sarah ausschlug. Da konnte er sich nicht enthalten, ingrimmig aufzuschreien, und seinen mühsam zurückgehaltenen Empfindungen Lust zu machen. „Das hat man davon," rief er, ein über das andere Mal auf den Tisch schlagend, „wenn mansich „ihrer" annimmt. Das Blut kann sich nicht verläugnen, und was HonLa Schusters Kind ist, das kann nicht werden, was meine Lea Leben wird. Das hat Gott so eingerichtet, und Ungleiches soll sich mit Ungleichem nicht mischen. Du wirst es erleben, Sarah, das Kind, das jetzt nach Dir musschlägt, wird einmal, wenn es größer geworden ..." 17 *