Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 278)
- Language
- German
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258 Mit froher Zuversicht lebte das Bewußtsein von der übernommenen Verantwortlichkeit in ihr auf. „Ich werde das Kind gerne haben, wie mein eigenes," so klärte sich in ihr allmälig alles Bangen und Fürchten, „und kann eine Mutter für ihr Kind mehr thun, als es gern haben? Ich meine, ein solches Kind das muß gedeihen. Es soll mir Einer sagen, ob etwas wachsen und in die Höhe kommen kann, wenn man die Sonne von ihm fernhält?" Man sieht, Sarah hatte einen Erziehungsplan fertig, den sie nicht in ihrem Kopfe, sondern in ihrem Gemüthe ausgearbeitet hatte. Sie war mit sich eins über einen Punct, an dem bis jetzt die vornehm aufgeblähte Buchweisheit noch immer zu Schanden geworden ist. — Wir haben bisher von den Kindern nur wenig gesprochen. Wer aber vermöchte sich der Gabe zu rühmen, in dem Zauberwalde jener eigenthümlichen Welt, die das Beisamniensein zweier Kinder bildet, Weg und Straße zu finden? Anscheinend führen lichte Bahnen hindurch, Sonnenlicht glänzt auf jedem Blatte und man glaubt deutlich das Wachsthum der jungen Bäumchen erlauschen zu können. Weil man den Wald nicht rauschen hört, geräth man auf den Fehlschluß, es sei Alles still in diesen Räumen, und doch läßt sich säst mit Bestimmtheit annehmen, daß das lautlose Gedeihen der Menschenpflanze von denselben, wenn nicht heftigeren Stürmen heimgesucht wird, als der fertige Baum, über dessen Wipfel die wilden Elemente des Lebens unbeschränkte Macht ausüben. Es war merkwürdig, wie schwer, fast mit Widerwillen das fremde Kind sich in die Liebe fand, mit der die neue Heimatstätte es umgab. Christian schien sich im Hause Wolf Ungar's ungemein fremd zu fühlen; er war verschlossen und heimtückisch, und besonders gegen Sarah bewies er sich von einer hartnäckigen Gemüthsart, die