Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 277)
- Language
- German
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257 Sarah durste das Kind also behalten. Der Staat in der Person desHerrnBürgermeisters gestattete es ihr, und auch die „Kirche" hatte nichts dagegen einzuwenden. Der Dechant liebte ja nicht das Betteln armer Waisenkinder an seiner Thüre! Auf dem Heimwege hatte Sarah allerlei Gedanken. „Es ist doch merkwürdig," lautete einer davon, „daß„ihnen" nicht mehr um das Kind zu thun ist. Sie stoßen es aus sich hinaus und wissen nicht einmal, was ich mit ihm anfangen werde. Vielleicht wird das Kind ein Dieb oder überhaupt ein schlechter Mensch bei mir? Habe ich ihnen denn die Hand darauf gegeben, wie ich es mit ihm halten werde? Und wenn das, Gott behüte! einem jüdischen Kinde zustoßen möchte, was HonLa Schusters Kinde zugestoßen ist, möchte man bei uns sein eigen Fleisch und Blut so leicht verlieren? Kann denn der Knabe bei mir nicht wirklich verloren gehen?" Dieser Gedanke machte Sarah's Seele in den geheimsten Tiefen erbeben. Verloren! Nicht in dem Sinne, daß das Kind in einem Walde voll hoher Bäume nicht mehr die Fußstapfen finde, die es zu dem heimatlichen Hause zurückführen, sondern verloren in dem Sinne, daß es verdorben und zerstört auf Abwegen irrt, losgelöst von jeder Zucht, an Gemüth und Sitte verdorben und erstorben! Wie, wenn dies das Ende ihres Bemühens und Wohlthuns wäre? Wenn sie frevelhaft daran gehandelt , in die Geschicke eines Menschenlebens einzugreifen, es an sich heranzuziehen, und dann zusehen zu müssen, wie es sich unter ihren Händen zu einer verfehlten und verkommenen Schöpfung gestaltete? Und wieder legte sich die Weisheit des Salomonischen Spruches, der, seitdem sie ihn vernommen hatte, tröstend und aufrichtend vor ihr einherschritt, auf ihre Lippen: „Grüble nicht und sei nicht allzugerecht, Du könntest sonst leicht verderben." Iayrb. s. Isr. 1863. 17