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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1862-01-01 · Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862) · p. Seite 256

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 256 (sequence 276)
Language
German
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256 Me Mäuse und Ratte» auf dem leeren Boden herum. Man nimmt uns unser Geld und unsere Kinder macht man zu Soldaten, woher sollen wir also für die Waisenkinder etwas nehmen?" Es lag in diesem Beweisgründe eine Rohheit, die der armen Frau innerlichst wehe that. Sie beherrschte sich aber und bemerkte nur schüchtern: „Wird aber Keiner etwas dazu sagen?" „Wer soll etwas dazu sagen?" spottete der Bürgermeister unter Lachen. „Ich meine — der Herr Dechant!" flüsterte Sarah fast unhörbar. „Der?" lachte der Bürgermeister, „der läßt Dich in Ruhe, und vor dem brauchst Du Dich nicht zu fürchten. Er ist froh, wenn das Kind des ertrunkenen Schusters nicht kommt, an seiner Thüre zu betteln. Der hochwürdige Herr hat das nicht gerne." Wundersame Wandlung der Zeiten! Noch hatte die streitende Kirche nicht überall ihre Wachtposten aufgestellt und ihreLugwarten aufgerichtet, von denen aus mit fast fieberhaft geschärftem Auge darauf geachtet werden muß, damit Niemand aus „ReihundGlied" trete, noch war nicht jene furchtbare Doctrin ausgesprochen und ins Werk gesetzt worden, nach welcher im Namen der Liebe Scheidewände ausgerichtet werden zwischen den letzten Ruhestätten der Tobten, und was im Leben eng umstrickt war, nicht bei einander wohnen darf; noch waren am helllichten Tage die dunkeln Spukgestalten nicht erschienen, vor deren Anblick der Friede und die Verträglichkeit wie aufgeschreckte Tauben davonfliehen! Die Kanzeln und Beichtstühle waren noch unberührt geblieben von der Beredsamkeit Jener, die mit finstern Stirnen und unheilverkündenden Mienen das freie Staatsleben als „Aufkläricht" und den Frieden unter Menschen als die „Niedertracht" eines betrunkenen Jahrhunderts bezeichnen!

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