Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 275)
- Language
- German
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255 „So wohl wie »och nie in meinem Leben/' sagte sie mit leuchtenden Blicken. „Jetzt weiß ich, was ich zu thun habe!" Mehr als eine halbe Stunde nachher saß Kalman» Würzburg vor dem Folianten, den er wieder aufgeschlagen hatte, ohne dem Inhalte desselben die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. Seine grauen Augen starrten in's Weite. War ihm selbst in der stattgesundenen Unterredung ein Geheimmß gelöst worden, von dessen Dasein er erst wußte, seitdem dieses arme Weib aus seiner Stube fort war? Mitten aus aller Beklommenheit ihres Herzens hatte nun die Frau des Eemeindedieners den freien Ausblick in die Zukunft gewonnen; die Besprechung mit Klein-Mendelsohn hatte sie merkwürdig gestärkt. Es war ihr immerfort, als tanzte lustiger Sonnenschein hinter ihr her, oder vielmehr, es war der gute Rath aus dem Prediger Salomvns 1.18, der auf ihren Lippen saß und in ihrem Gemüthe nachtönte. Klein-Mendelsohn hatte übrigens nicht umsonst das Wort von „ihnen" fallen lassen, die ihr natürliches Recht auf das Waisenkind eines Tages geltend machen könnten. Auch in diesem Puncte mußte Sarah zur Klarheit gelangen. Sie zog am nächsten Tage ihre schöne Sabbathaube an, kleidete den kleinen Christian in ein sauberes Gewand, und begab sich mit ihm auf den Weg zum Bürgermeister. Der Bürgermeister, seines Standes ein ehrsamer Töpfermeister, riß die Augen verwundert auf, als ihm Sarah unter vielem Stammeln und Stottern die Frage vorlegte, ob sie das Kind behalten dürfe. „Warum solltest Du's nicht behalten dürfen," meinte er. „Was sollen wir mit dem Kinde anfangen? Die Kriegssteuern haben Alles aufgegessen, was in unserer Caffe war, und nun tanzen