Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 265)
- Language
- German
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245 es uns nicht verwundern darf, wenn Sarah den schneidigen Reden ihrer Großmutter nur stummes Anhören entgegensetzte. „Warum redest Du nicht?" rief die Babe nach einer drückenden Weile. „Babe," meinte Sarah, „mein Mann hat mich gern, und hat nur gethan, um was ich ihn gebeten habe." „Also bist Du die gewaltige Reiche?" rief die Babe mit wahrhaft vernichtendem Spotte. „Wo hast Du denn deine Perlen und deine goldenen Halsketten? und warum ziehst Du aus dieser Stube nicht aus, wo Du aus Gemeindekosten ausgehalten wirst? Wer sich fremder Kinder annimmt, muß ein eigen Haus für sie haben? Warum läßt Du Dir so ein Haus nicht bauen?" Sarah hätte reden, stundenlang reden können, um der Babe zu beweisen, wie unrecht sie thue, in diesem Tone sortzufahren; dennoch kam über ihre Lippen nicht das kleinste Wörtlein einer Klage. Sie fühlte wohl, die alte Frau war noch nicht zu Ende, das Bitterste und Schneidigste mußte erst ausgesprochen werden. Woher sollte sie den Muth nehmen, auch diesem zu begegnen? Die Babe ließ auch nicht lange darauf warten. „Ich Hab' gehört," fuhr sie fort, „das Kind, was Du bei Dir ausgenommen hast, hat einen Namen . . . Möchtest Du mir nicht sagen, wie das Jüngel heißt?" „Christian heißt er," sagte Sarah unsicher. „Und Du willst das Kind ansehen wie eine Mutter?" „Ja, Babe!" sagte Sarah tonlos. Da stand Breindel auf. Ihr blasses, schmales Angesicht hatte einen merkwürdigen Ausdruck in diesem Augenblicke; vielleicht hätte selbst ei» herzhafter Mann ihm nicht Stand gehalten. Lang und hager, wie sie war, gestaltete sie sich jetzt noch um eine Kopfeslänge höher. Dabei spielte es um ihre Mundwinkel wie funkelnde Messerklingen.