Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 243)
- Language
- German
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223 würdigen seligen Landesrabbiner M. Benedikt, seiner Assistenten und der Elite der Orthodoxie besucht, bestanden hatte, aus der alle Pijutim verbannt waren. Woher also der Widerstand gegen die heilsamen Anordnungen derWienerGemeinde? Der Leser wird wohl einsehen, daß nicht alle Widersacher von religiösen Motiven geleitet werden, und daß es deren mehrere Species geben müsse. Wir lassen sie hier seine Revue paffiren: Zur ersten Classe gehören die Männer der eisernen Konsequenz, mit einem empfindlichen archivarischen Gewissen, das wie ein feingeschlissener Spiegel von jedem Hauche getrübt wird. Diese Männer gehen von der Idee des Geschichtscultus aus und behaupten, daß kein Brauch, der einmal im Codex verzeichnet ist, aufgehoben werden könne, weil sonst die Grenzen des Brauches mit dem Alterthume nicht zu bestimmen wären. Ist jedes Gesetz, sagen fie sich, zugleich ein Geschichtsmonument, so ist die Verletzung der geringfügigsten Usanz Entweihung eines Denkmals, Vernichtung einer Urkunde, Zerstörung einer heiligen Reliquie. Zu solchen Reliquien zählen fie einige geringfügige Bestimmungen, die bei der Wiener Cultusordnung unabfichtlich übergangen wurden. Allein offenbar kann diesen Männern leicht geholfen werden, da es z. B. das Princip des Anstandes nicht alterirte, ob man die Predigt vor oder nach dem Verlesen der Thora, ob man drei oder mehrere Ahroniden zur Ertheilung des Priestersegens zuläßt. Die Männer aber haben Unrecht, diese zufällige und leicht wegzuschaffenden geringfügigen Jnconsequenzen dem Geiste und Wesen der Wiener Ordnung zuzuschreiben. Schwerer zu befriedigen ist die zweite Classe von Männern, die im Gegensätze zu derersten gar kein Religionsgesetz studirt haben, die nicht wissen, was erlaubt und was geboten, aber von der im alten Judenthume stets aufrecht erhaltenen MeinungsundDisputationsfreiheit zu Gewohnheitszänkern und Störefrieden herangebildet