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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1862-01-01 · Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862) · p. Seite 219

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 219 (sequence 239)
Language
German
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219 wurden von jenen Mißformen des Cultus zurückgestoßen, und die Jugend fand sich der Synagoge fremd und schroff gegenüber. Man fing an, es für guten Ton zu halten, sich als Juden zu verläugnen, und eine freigeisterische jüngere Generation begann die Sitten der Väter zu verhöhnen, llnterdeffen hatten begabte Geister sich emporgerafft, die Schranken des Gesichtskreises nach allen Seiten hin wegzuschaffen. Sie regten Kräfte an, belebten die Wissenschaft, ver° breiteten Bildung und Aufklärung, gründeten Schulen für die Jugend, suchten den Anschluß an das Staatsleben, die bürgerliche Brauchbarkeit der Juden zu fördern. Aber in dem Maße, als die Civilisation und allgemeine Cultur immer lichtvoller sich zu entfalten vermochten, traten die judenthümlichen Institutionen immer mehr in den Hintergrund und boten in ihrer verblaßten Gestalt einen um so schneidenderen Contrast zu dem allerwärts erwachten geistigen Leben. Es mußte daher für eine Erkrästigung des Judenthums gesorgt, der Eifer dafür wieder angefacht werden. Man richtete daher das Augenmerk zunächst auf die uralte Anstalt, die Synagoge, als diejenige, die am leichtesten der Willkür des Individuums entzogen und der Leitung kräftiger Borstände überantwortet werden konnte. Man überließ daher das Privatleben des Einzelnen dem eigenen Gewissen, und suchte in dem öffentlichen Gottesdienst das Mittel zur Belebung der Religiosität. Hiebei ging man in einigen deutschen Gemeinden so weit, den historischen Boden ganz aufzugeben, mit dem Elemente des Judenthums, dem Gesetze, zu brechen, und nur in einigen Hauptpuncten an das Vorhandene anzuknüpfen. Sie schafften die alten Gebete fast gänzlich ab, und ersetzten sie durch neue deutsche Lieder, verlegten den Sabbat auf den christlichen Sonntag, und setzten allen Traditionen ein sogenanntes Bedürfniß der Gegenwart, das Princip der Zeitgemäßheit entgegen. Diese Partei nennt man Reformjuden, und ob sie als Schismatiker zu

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