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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1862-01-01 · Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862) · p. Seite 218

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 218 (sequence 238)
Language
German
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218 der jüngeren Generation bloßstellten. Die Unordnung wuchs von Tag zu Tage, die freie Betheiligung der Gemeinde ward zu einer Willkür, die alle Dämme der DisciPlin durchbrach. Die Andächtigen schrien durch einander die unverstandenen Gebete, es war ein wüstes Summen, Heulen, Lärmen. Die Thoravorlesung sank zum Lippenwerk herab und ward unanständiger Weise mit einer Versteigerung derFunctivnen an die Meistbietenden ganz wie aus Marktlicitationen eingeleitet. Mehrere der gebildeten Juden flohen diese Stätten, die ein trauriges Zeugnis der an dem unglücklichen Volke verübten Mißhandlungen herabgewürdigt zu Tummelplätzen allerlei Mißbräuche waren, neben denen noch ein Schlendrian sich festgesetzt hatte. Diese Zustände waren aber um so bedenklicher, als mittlerweile das religiöse Leben außerhalb der Synagoge nicht mehr kräftig genug war, einen Ersatz für den Mangel an Erbauung in derselben zu bieten und die Observanz selbst in den Häusern laxer geworden war. Denn damals ward eben der Grund zu neuen Welten, neuen Anschauungen gelegt, und wie jedem Verjüngungsprocesse gingen auch diesem jene Frühlingsstürme voraus, die manche nutzbare Pflanzung entwurzelten, manche wohnliche Bauten niederrissen. Im Drange, sich der Außenwelt wieder anzuschließen und der menschlichen Gesellschaft nützlich zu machen, schütteten viele Juden das Kind mit dem Bade aus, ließen so viele altehrwürdige Sitten der Väter fahren, und mit dieser schwanden kräftige moralische Hebel, mächtige Schutzwälle gegen Sittenverderbniß und Charakterlosigkeit. Der Sturmwind der Freigeisterei hatte zuerst viel welkes Laub und morsches Reis dem alten Stamme entführt und in die Ferne getragen, der Abfall vom Judenthume nahm überhand, der Unglaube wucherte überall empor, Atheismus, Religionslosigkeit und der Geist der Verneinung schienen Sieger zu bleiben. Die Frauen, denen die Natur ein ästhetisches Gefühl verliehen,

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