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Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1862-01-01 · Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862) · p. Seite 217

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Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
Date
1862-01-01
Page
Seite 217 (sequence 237)
Language
German
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217 Die Zuden hatten nichts als das Bewußtsein ihrer hohern religiösen Befähigung, die aber im Kampfe mit einem Leben voll Leid und Drangsal darauf verwendet wurde, den Geist von einer Welt unsäglichen Elends und grausamer Quälereien abzulenken. In dieser Abgeschiedenheit aber verkam die nationale Wissenschaft nicht minder wie die allgemeine Bildung, die Pflege der hebräischen Sprache, Geschichte, Literatur hörte auf, es blühte jene Kehrseite der Denkthätigkeit, die nur dem Leben entfremdende Spitzfindigkeiten lehrt und die Kluft zwischen der Schule und der practischen Brauchbarkeit nur erweitert. Da erstarrten alle Gesetze zu beengenden Formen, die eine harte Kruste um das innere jüdische Leben bildeten. Die Synagogen mußten unter so drückenden Verhältnissen und bei dem geringen Einflüsse, den fie im religiösen Leben selber hatten, gänzlich verfallen. Von Hunderten ganz unverständlichen geschmacklosenPijutim überbürdet, bot der Gottesdienst keinen Raum für die freien Vorträge mehr, und diese wurden nur selten und auch dann nicht zu erbaulichen Zwecken gehalten, sondern um die Gewandtheit im Disputiren und in der den Frauen und Ungelehrten ganz sernestehenden talmudischen Turnieren auszulegen. Die spanischen Juden hatten sich noch von älteren Zeiten her eine edlere Synagogyalverfassung zu retten verstanden, die deutsch-polnischen Synagogen aber waren verwahrlost und verwildert. Diese Verwilderung traf zuerst die Predigt, da die deutsche Sprache im Munde der Juden zu einem Jargon entartet war, der sie noch mehr von der Außenwelt abschied und jede oratorische Thätigkeit unmöglich machte. Die Verwilderung traf ferner den Gesang und die Vortragsweise, da für diese nicht einmal das an Gesetzen so überreiche Judenthum irgend ein Statut besaß. So kam es, daß die Vorbeter bald allein, bald mit einem Sängerquartett zur Seite, das Ohr der Andächtigen nach Belieben mißhandelten, oft Opern- und Gassenhauermelodien zum Besten gaben, und den Ritus dem Gespötte

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