Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 236)
- Language
- German
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216 lich ward die Aufnahme neuer dichterischer Erzeugnisse völlig eingestellt, und eine Auswahl aus dem überreichen vorhandenen Materiale veranstaltet. Aber eben bei dieser Auswahl gab sich gleich eine Verschiedenheit der Meinungen kund. Die spanischen Zuden zogen die Dichter aus ihrer eigenen Mitte vor, die polnisch-deutschen Juden hatten einen andern nicht eben rühmenswerthen Geschmack. So entstanden gleich mehrere Ritus, die aber ganz friedlich neben einander bestanden, keine Gemeinde durfte sich erkühnen, der andern ihreMeinungzu oktroiren, keinerhatte dieDreistigkeit, ein Schisma in der Verschiedenheit der synagogalen Verfassung zu erkennen, niemand war so lächerlich ignorant, eine orthodoxe und heterodoxe Synagoge zu statuiren. Die strenggläubigen Rabbiner hatten die Pijutim zugelaffen, hielten es aber für weit verdienstlicher in Gotteswort zu studiren, als diese Reime herzusagen; viele hielten in ihrer Wohnung die Pflichtgebete ab und besuchten selten eine Synagoge. Das Volk verlegte die Schwerpuncte der Religiösität ebenfalls außerhalb deS Bethauses. Unverheiratete Frauenzimmer kamen endlich nie in's Andachtshaus, und die verheirateten Frauen fanden in der Küche und in der Wohnstube weit mehr Veranlassung, ihre Religiösität zu bethätigen, als in der „Schule". Wiener Orthodoxe vom neuesten Datum, die so viel Lärmens um einen Synagogenbrouch erheben, hätten sich nach dem Gesichtspunkte des jüdischen Religionsgesetzes demnach sehr gründlich lächerlich gemacht. In den letzten Jahrzehnten aber fanden gebildete Rabbiner und aufgeklärtere Vorstände es für angezeigt, der Synagoge abermals eine höhere Bedeutung zu erringen, und wie dies zugegangen, sei zum Schlüsse des Capitels noch erzählt: Unmenschliche Verfolgungen hatten das jüdische Volk gezwungen, aus einer Welt, die ihm nichts als Grimm und Haß entgegen* trug, sich in die klösterliche Einsamkeit der Ghetti zurückzuziehen.