Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 229)
- Language
- German
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209 hatte, und den man Me regula fidei, das Dogma, die Doxe nannte. Es ist hier nicht der Platz zu erklären, warum die christlichen Kirchenvorstände von der alten Weihe der Apostel abgegangen sind, aber genug, sie erkannten es dem Wesen ihrer Religion gemäß, einen positiven, unwandelbaren Lehrbegriff, eine concrete Formel für die religiöse Idee auszustellen, die man das Dogma oder die Doxe nannte. Dieses Dogma war nun einerseits die Parole und das Schibolet der Gläubigen, anderseits das unnahbare, aller Discussion entzogene Mysterium der Religion. Aus der Doxe entwickelte sich der Cultus, der Ritus, das Priesterthum als Träger des Sakramentes, die sichtbare Kirche. Die Doxe gilt als Maßstab für die Christlichkeit des Individuums, die Uebereinstimmung damit heißt Orthodoxie, der Widerspruch dagegen ist Heterodoxie, die sich bis zur Ketzerei und Häresie steigern kann, und endlich zur völligen Kirchentrennung — zum Schisma führt. Was sollen alle diese Begriffe im Judenthume? Hier, wo das ganze Leben Religion ist, muß selbstverständlich auch die Religion ein Leben sein, und das Leben kann weder in eine Formel noch in ein System gebracht werden. Das Zudenthum wird von keinem Dogma, von keiner Doxe abhängig gemacht; es erkennt sich vielmehr vorerst nur als Protest und Negation gegen alle und jede concrete Darstellung des Gottesbegriffes, der in seiner strengen Eineinigkeit keine Definition zuläßt, von keinem Menschen, der da lebt, in seiner Wesenheit (Angesicht Gottes genannt) erfaßt werden kann. Ein vom Leben losgelöstes theosophisches Bekenntniß, ein über dem Leben stehendes Mysterium, konnte bei dem Volke, dem die Religion Alles ist, nicht Platz greifen. Die re^ulu, ficlei des Talmuds lautet: „Wer die fremden Religionen negirt, bekennt den Mosaismus. „Die sogenannten Glaubensartikel (nachMaimvnides 13 an der Zahl), die man in spätern Zeiten aufgestellt, sind nichts als das Bewußtsein des Gegensatzes zu den im 12. und 13. Jahrhundert Jahre, f. Jsr. 18C8. .14