Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 227)
- Language
- German
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207 rauben, und man ließ es den erhabensten Ideen entgelten, daß ihre Trägernicht ebenso beliebte, wie stets nützliche Mitglieder der Menschheit waren. Zudem sind nicht alle diese Zdeen wie Früchte, die man nur vom Baume abpflücken, und von diesem getrennt genießen könnte. Vielmehr gehört ihre Geburtsstätte, ihr Werden, wie ihr Entwickelungsgang mit zu ihrem Wesen und Leben, ihre Form mit zu ihrem Inhalte, ihre Geschichte mit zu ihrem richtigen Verständnisse, zur Art sie zu genießen. Das Zudenthum konnte daher nur durch das Judenvolk mit seinen Vorzügen und Mängeln erhalten, und kann nur durch dasselbe wieder begriffen werden. Dieses Volk aber war stets theils durch natürliche Begabung, theils durch sein wechselvolles Schicksal ganz besonders und eigenthümlich für religiöses Denken und Fühlen der Art befähigt, wie in den Griechen der Sinn für schöne Künste, in den Römern das Talent für Staatsorganismus und Jurisprudenz von der Natur besonders betont und markirt war. Wir glauben nicht, daß man den Juden das besondere Reiigionstalent wird absprechen können, wenn man bedenkt, daß aus ihrer Ritte die Propheten hervorgegangen, der Stifter und die ersten Mitgründer einer die ganze civilisirte Welt beherrschenden Religion geboren und erzogen wurden, an ihrem Geiste der Gründer eines zweiten weithinverbreiteten Bekenntnisses sich herangebildet habe. Dieses vorherrschende Talent für Religion gab sich aber in scühcrn Zeiten dadurch kund, daß die ganze allgemein menschthümliche Gedankenwelt, die unter dem Volke seit Jahrtausenden herangewachsen ist, stets in seiner Beziehung zur Religion sich darstellt, und das ganze Leben nur als Ausfluß der Religiosität erschien. Sein Staat, als er noch bestand, war eine Institution Gottes, jede Polizeiverordnung war zugleich eine rituelle Vorschrift, seine Poesien waren Gebete, sein eleganter Styl, Anspielungen und Citate den heiligen Urkunden entnommen, seine Betrachtungen, Erfahrungen, Erlebnisse wurden zuCommentarienderBibel, seineWissenschast war theologische