Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 225)
- Language
- German
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205 einem Jahrtausend ruhen aber die alten Exilarchen in ihren Gräbern, von den Akademien sind kaum Schutthügel übriggeblieben. Vernünftige Rabbiner und fromme Vorstände hielten es daher gegen ihr Gewissen, dem lieben Gott diesen geschichtlichen Schnitzer in's Gesicht hinein zu beten, und für das lange Leben und die leibliche Gesundheit der vor tausend Jahren Verstorbenen ein andächtiges Wort zu führen, um so mehr, als es weder ein Babylonien noch einen Exilarchen mehr gibt, und von den Richtern der Baba keine Spur mehr vorhanden ist. Dagegen gibt es wieder sehr harmlose Naturen, die vor dem Anachronismus nicht znrückschrecken, weil erstens das Gebet, .Jekum purkan« genannt, schwarz auf weiß gedruckt ist, und weil sie zweitens sich's zum Grundsätze gemacht haben, die Gebete nicht zu verstehen. Die jüdischen „Referenten" des hohen Cultusministeriurns aber erklärten die Jekurnpurkanisten für die Stützen des Thrones und ihre Gegner für wilde Republikaner, die für das irdische Leben der Verstorbenen und für ausreichende Subsistenzmittel der Tobten nicht beten wollen. Alle diese Begriffsverwirrungen wird man sich erklären, wenn man die obenbezeichneten Triebfedern der innern Politik unter dem früher» Regime kennen gelernt hat. Wir werden im Verlaufe noch darauf zurückkommen, die Einflüsse des mittlerweile abgeschlossenen Eoncordates auf die Synagogal-Zustände nachzuweisen, und wollen nun darangehen, den andern Theil unserer Aufgabe zu lösen. Haben wir bisher den österreichischenJud en die Stellung der vormaligen Behörden zur Synagoge gezeigt, so gilt es jetzt, den Behörden einen Einblick in die Synagoge und in das Verhältniß der Juden unter einander zu gewähren. Denn ebenso heillos als es war, den religiösen Stabilismus und Fortschritt der betenden Juden mit gleichnamigen politischen Gesinnungen zu verwechseln, ebenso consundirend war es, die österreichischen Juden in ihren rituellen Differenzen als Orthodoxe und Resormjuden zu be-