Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 219)
- Language
- German
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199 Gedankensünden gegen die Censur und gehorsame Deckung der Auslagen für unbekannte Zwecke. Zudem war auch schon die Finanznoth ausgeschlüpft, ist mittlerweile flügge geworden und flatterte mit mächtigem Gekreische empor. Man konnte nicht mehr die innersten Gedanken, so lange sie nicht That und Wort geworden, zollfrei lassen, denn alle hatten bereits Gestalt und Gliederung angenommen, und die vormals vereinzelt und versprengt, da und dort wie Flammen ohne Docht durch die Geister schwirrten, die traten in compacten und wesenhasten Massen auf. Meinungen wurden zu Parteiparolen, Wünsche zu Interessen, die sprechende und handelnde Vertreter fanden. Da mußte denn jener Gemüthlichkeit, die vom Burger nichts mehr verlangt, als daß er schweige und Geld gebe, und vom Juden, daß er mehr dulde und vielmehr noch zahle, vollends entsagt werden. Die Regierung konnte sich nicht mehr mit Geld begnügen, sie mußte auch Gesinnungen verlangen. Man schuf ein neues Wort als Sibolet der Bürgertugend, es hieß die—„ Gutgesinntheit" und säst ängstlicher als nach der Ziffer seines Steuerbogens, ward von jedem Staatsangehörigen gefragt, ob er ein „Gutgesinnter" wäre. Unter der Herrschaft eines solchen Zeitgeistes mußte auch die Judensteuer fallen, die ebenso wenig mehr einen Effect hervorzubringen, als die Lücke im Budget zu füllen vermochte, und der Geist der alten „Judenordnung" mußte eine zeitgemäße Erscheinungsform suchen. Aber wie? Die Steuer an politischen Ansichten konnte doch nicht consessionell gemacht, von den Juden keine größere Quote, kein Mehrbetrag an „guter Gesinnung", kein besonderer Leibzoll in dieser Richtung erhoben werden! — Aber hatten denn die Juden all' die Leiden und Kämpfe, all' den Zank und Unfrieden, die an die Stelle der gemüthlichen Lethargie von ehedem getreten waren, nicht redlich mit den andern Bürgern getheilt? War nicht auch ihr Friede gestört? Hatten sie nicht auch alle Parteienzerwürfniffe in ihrer