Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 163)
- Language
- German
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143 wurde, das Gefühl zunehmender Schwäche und bange Todesahnungen bewältigen ihn so sehr, daß er, an einen Thürpfosten gelehnt, in ein glühendes Weinen ausbricht und unwillkürlich die ihm fremd gewordenen Worte des Vorbeters wie ein Kind, ohne deren Sinn zu verstehen, nachsprechend, sich wie die Uebrigen die kranke keuchende Brust zerfleischt und sich der Gnade jenes richtenden Gottes empfiehlt, dem er abtrünnig geworden, um nun an der Schwelle seines Hauses sich wie ein verlorener und vom Unglück gezüchtigter Sohn in die Arme zu werfen. Einzeln verlieren sich die müden Beter aus dem Hause, nur wenige bleiben in demselben zurück, um die ganze Nacht beim Gebete auszuharren. Bon Schlaf und Müdigkeit übermannt, fiel Alexander auf eine steinerne Stufe des Einganges nieder und verlebte die Nacht des Versöhnungstages unter halbwachen Träumen in der heiligen Halle. Bilder der Kindheit lebten wieder auf und zogen an ihm vorüber wie eine Schaar erstandener Leichen. Der strenge Vater, die weiche Mutter, die liebenden Geschwister, die Gespielen, die sich abmühenden Lehrer, das geflohene Gotteshaus der verlorenen Heimat, die darin betende Gemeinde, die heiteren heiligen Feste, die trüben Bußtage, die lange Reihe seiner Vergehungen gegen Gott und Vater und Mutter, seine Versagung aus dem elterlichen Hause, über das er Trauer brachte, seine Wanderungen durch die Fremde, sein — Abfall-der Schläfer erwacht wie von Scorpionen gebissen, der kalte Schweiß näßt ihm die Stirne, er ringt nach Athem, er will sich selbst entfliehen und flüchtet in heißem glühenden Gebete zu Gott! Der Tag grauet und wieder füllt sich die weite Halle mit Betern, wieder branden tausend Stimmen an die Wölbung. Die Kerzen sind tief herabgebrannt, sie zeigen die Flucht der Zeit und des Lebens, sie mahnen an die Stunde, in welcher die Geschicke der Menschen festgestellt und besiegelt werden sollen — ein heißer Be-