Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 164)
- Language
- German
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144 ter steht Alexander mitten zwischen der Menge, als ob er ihrer Gemeinschaft gehörte — seine Kräfte verzehren sich, seine Lunge verarbeitet ihre letzten Laute, seine Füße brechen unter ihm zusammen — er betet wie in vollständiger Selbstvergessenheit, bis der Tag verglommen, bis wieder die Nacht ihre Schatten senkt, bis wieder in neuem Lichte das Gotteshaus erglüht, bis der kräftige Posaunenschall anzeigt, daß der Tag der Buße vorüber sei. Alexanders Leiden wurde immer schwerer, immer hartnäckiger, die Kunst der Aerzte scheiterte an dem grauenhaften Uebel, die Kräfte nahmen stetig ab, die Nächte waren ohne Ruhe, die Tage ohne Hoffnung; zusehends schrumpfte der Körper zusammen und der Spiegel zeigte dem Unglücklichen ein Bild des Todes. Dazu kam die Aussicht auf den nahen Wechsel der Jahreszeiten, deren Brücke stets mit so vielen Leichen besäet ist. Für Alexander hatte der Gedanke an sein nahes Ende all' die Schrecken des Grabes mit seinen finstern Fantomen, seinem schwarzen, unnennbaren Etwas, das fürchterlicher ist als ein Leben voller Kämpfe und Entbehrungen. Ein Mensch, der ohne Religion und Philosophie unter ewigen Schwankungen gelebt, keine festen Grundsätze hatte, keinem Leitsterne folgte, der, ohne sich mit dem Schatten eines Zweifels an die Existenz eines höchsten, richtenden und strafenden Wesens zu wagen, den Gott seiner Bäter, den wolkenumkleideten Donnerer des Sinai verließ, um nach Jahren der Vergessenheit und der Sünde sich ihm wieder zu nähern, bevor ihn der Tod vor den Richterstuhl der Ewigkeit führt — ein Mensch, dessen Vergangenheit ohne lichte Momente und ohne Tugend, dessen Gegenwart wüst und trüb und dessen nahe Zukunft das Grab mit seinem Modergeruch schwängert, kann in ein Schicksal, in das noch kein Mensch von Allen, die da unten gebettet liegen, freudig blickte, nicht ohne die fürchterlichste Angst sehen. Der Tod ist ihm kein