Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 92)
- Language
- German
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72 kam es aber zu keiner weiteren Annäherung. H. achtete Mendelssohn von ferne, wie er sich selbst überschwenglich ausdrückt, „als den ersten Denker Deutschlands im ästhetischen und philosophischen Fache," und sprach sich über die bekannte unziemliche Zumuthung Lavater's an Mendelssohn tadelnd aus. Im Jahre I779übcrschickte Herder, der evangelische Superintendent, an Mendelssohn eine seiner christlich-theologischen Schriften: „Maranatha," nicht, wie er sagt, um Mendelssohn zu bekehren, sondern „um dem rechtschaffenen Israeliten, den er vom Herzen hochschätze, ein Zeichen dieser Hochachtung zu geben." Herder legt bei dieser Gelegenheit das frei» müthige, von den christlichen Theologen unserer Zeit nur wenig gewürdigte Geständniß ab, daß auf dem Gebiete biblischer Studien die Juden doch das erste Wort zu sprechen haben, denn, so sagt er: „was bei uns in diesem Fache kahle, leicht zu verdeutelnde, weithergeholte Gelehrsamkeit ist, ist bei ihnen, wie mich dünkt, angenommene heilige Sprache." Mendelssohn überschickt Herdern als Gegengeschenk seine Uebersetzung der fünf Bücher Mosis in hebräischen Lettern. Dieses Berhältniß wurde ein noch innigeres, als Lessing, Beider Freund, plötzlich von seinem Schauplatze abberufen wurde. Noch unter dem Eindrücke des frischen Schmerzes schreibt Herder an Mendelssohn: „Ich kann nicht umhin, da ich mich schon seit zwei Tagen mit der Nachricht trage und gegen Niemand mein Herz darüber recht ausschütten und losmachen kann, an Sie, liebster Mendelssohn! zu schreiben, an Sie, dessen Freund er so sehr war und den ich mir in meinen ersten Jahren so gern und oft mit ihm zusammendachte. Lassen Sie sich, lieber Mendelssohn! erbitten, gewissermaßen seinen Platz in mir auszufüllen und mir etwas näher zu sein, als Sic's sind." Mendelssohn weist natürlich diese Aufforderung nicht zurück, und wie er in seinem Briefe bescheiden bemerkt: Moses der Mensch schreibt an Herder den Menschen, nicht der Jude an den Superintendenten. Schon früher hatte Herder im Bade