Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 91)
- Language
- German
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71 menschenscheu in die Welt treten und selten gedeihen, dagegen unter Menschen erzogen, diese sie liebgewinnen und von ihnen liebgewonnen werden; so auch dem Judenthum, wenn es sich von der Nationalerziehung nicht mehr ausschließen darf. Gemeinschaftliche Cultur der Seele vereinigt den Menschen aller Zeiten, Gegenden und Völker. „Wer denkt," ruft H. aus, „bei Spinoza's, Mendelssohn's, Herz' philosophischen Schriften daran, daß sie von Juden geschrieben wurden? Und wenn die Töchter Zions dereinst ihren Vorfahren, einer Mirjam undDeborah, in Künsten der Muse nacheifern, wen wird es befremden?" — So möchte H. in edlem Eifer für das Wohl der Menschheit den Zeitpunct herbeisühren, „in welchem auch die Juden nicht als Sclaven an einem Coliseum, wohl aber als Mitwohner gebildeter Völker am größten und schönsten Coliseum, dem Bau der Wissenschaften, der Gesammtcultur der Menschheit arbeiteten. Nicht auf den nackten Bergen Palästinas, des engen, verheerten Landes, allenthalben stünde da geistig ihr Tempel aus seinen Trümmern empor; alle Nationen verehrten mit ihnen, sie mit allen Nationen verehrten den Weltschöpfer, indem sie sein Bild: Vernunft und Weisheit, Großmuthund Wohlthätigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhüben. Ihr Palästina ist sodann da, wo sie leben und edel wirken, allenthalben." Schließlich sei noch der Beziehungen H.'s zu Moses Mendelssohn mit einigen Worten gedacht. *) Mendelssohn's klar eindringender Verstand übte auf den noch jugendlichen H. die lebhafteste Anziehung; besonders mächtig ergriff ihn der „Phädon", in dem er jedoch nicht alle seine Zweifel gelöst fand und sich deshalb von Riga aus an dessen Verfasser um Aufschluß wandte. Vorläufig *) Ueber die folgenden Angaben gl. „Aus Herder's Nachlaß." Herausgeben von H. Düntzer und Ferd. Gottsr. v. Herder 1857, II, 213—231.