Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 80)
- Language
- German
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60 H. in letzter Zeit bei gewissen literarischen Cotericn in Ungnade gefallen und nur vornehm von oben herab angesehen wird. Man tadelt die eben so wenig abgerundete als piquante, sehr oft in's Breite gehende Schreibweise H.'s, und allerdings hat H.'s Styl, wie der neueste Geschichtschreiber der modernen Philosophie, Kuno Fischer, bemerkt, nichts von Winckelmann's Plastik, nichts von Lessing's Logik; er ist wie eine ungezügelte Phantasie, blitzartig, schwunghaft, aufgeregt und fragmentarisch. Er schreibt mehr lebhaft als deutlich, die überwallenden Gefühle verwandeln sich ihm oft statt in klare Ausdrücke in stumme Ausrufungszeichen und die Gedanken in Gedankenstriche, aber, bemerkt wieder &. Fischer, gerade vermöge dieser Verfassung war H.'s Verstand vorzüglich geeignet, in die dunkleren Regionen des menschlichen Geistes mit verwandtem Auge zu schauen; er hatte die große Gabe, sich ein fremdes Gemüthsleben und fremde Phantasien anzuempsinden, und die Gefühlssäden seiner Seele erstreckten sich oft mit wunderbarem Tact in die verborgenen Tiefen des menschlichen Geistes, die sich dem rein logischen Verstände nicht offenbaren. Darum waren es besonders die Vildungszustände, und zwar die elementaren Zustände der Religion und Poesie, in denen sich H.'s. Geist unmittelbar heimisch fühlte. Der kindliche Glaube der Menschheit zog ihn an, er wußte sich mit den Erstgeburten des menschlichen Genius in eine poetische Wahlverwandtschaft zu setzen, und so entdeckte H. geradezu ganze Reiche der menschlichen Bildung, welche bis dahin die Aufklärung kaum beschienen oder nur in schiefem Lichte gezeigt hatte, und da wir von H.'s poetischen Verdiensten hier nicht zu reden haben, so sagen wir blos das, was zu unserem Gegenstände gehört; er entdeckte den Genius in der Religion des mvrgenländisch-hebräischen Geistes. Und. das ist eben das erste Verdienst H.'s um die Menschheit und das Judenthum, wovon ich reden will, daß er der nichtjüdischrn Welt, die bis dahin viel von theologischem Ge-