Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, neunter Jahrgang 5623 (1862-1863) (1862)
- Date
- 1862-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 70)
- Language
- German
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50 land und den Nachbarländern. Er hatte zu den Füßen der letzten französischen Tossasisten gesessen und mündliche Ueberlieferung über die scharfsinnige Auslegung des Talmud vernommen, welche von den als unerreichbar geltenden Koryphäen Raschi, seinem Enkel R'Lam, seinem Urenkel R'Zsaak (dem ältern aus Dampierre) und andern herrührten. Sein Lehrhaus in Mainz war das bedeutendste, und kaum konnte das von Isaak Or-Serua und Abigedor Koh en in Wien eröffnete Lehrhaus damit rivalisiren. Eine große Zahl Männer und Jünglinge nannten sich stolz Jünger des R. Meir von Rothenburg. Schon war er mit seiner Familie in der Lombardei angekommen und hatte dort nur Halt gemacht, um die Schaar Auswanderer zu erwarten, welche sich seinem Zuge anschließen wollten, als er, der sich heimlich entfernt hatte, verrathen wurde. Zufällig reiste nämlich durch denselben Ort der Bischof von Basel und dieser hatte in seinem Gefolge einen getauften Juden Knippe oder Kompel. Dieser erkannte den deutschen Großrabbiner (suxisirms magister Judaeorum), theilte seine Entdeckung dem Bischof mit und veranlaßte, daß ihn der Stadthauptmann Neinhart von Görz verhaftete und demKaiserRudolph vonHabsburg auslieserte(19.Juni1286). Der erste Habsburger war über die Auswanderung der Juden aus dem heiligen deutsch-römischen Reiche verdrießlich. Nicht daß er etwa eine besondere Zärtlichkeit für die Söhne Jakobs gehabt hätte und sie persönlich nicht missen mochte. Kaiser Rudolph war von dieser Schwäche weit entfernt, wie überhaupt jeder Romantik baar. Aber gerade weil er in einem hohen Grade nüchtern und praktisch war, mochte er der Juden nicht entrathen. Er, ein armer Edelmann, der unverhofft zur deutschen Kaiserkrone gelangt war, brauchte die Juden zur Füllung seines stets leeren Finanzsäckels. Die deutschen Juden, die officiellen Kammerknechte des heiligen römischen Reiches, lieferten ihm den regelmäßigen „güldnen Opfer-