Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 203)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Zerstörungen menschlicher Leidenschaft, ja oft schöner, je grauenhafter jene gewüthet hat. Veilchen war schon lange das blasse Kind mit den trotzigen Lippen nicht mehr, die kleine »Klippe«, die dem Vetter Zosses mit so überwältigender Wildheit in den Arni gefallen war. Alles an ihr war milder und weicher geworden, und schon wurden Stimmen in der «Gasse« kund, die in Erinnerung an Gudule's Schönheit behaupteten, die Tochter gebe der Mutter noch etwas vor. Wie auf ein vor ihren Augen vorgegangenes Wunder wurde auf das schöne Mädchen geblickt, schon flatterte hie und da ein heißer Wunsch um die Fenster jenes Hauses, das die Geschwister bewohnten ... aber die Tochter des »Spielers«, des Mannes, der im Kerker seine Leidenschaft verbüßte — selbst das gierigste Auge senkte sich vor dieser Betrachtung, die herrliche Knospe war eben nur anfgebrochen, um ihre Düste ungekostet in alle Lust zu verstreuen. Ephraim war es nicht entgangen, daß sich der Character seiner Schwester in einer Art entwickelt hatte, wie ec es in seiner weichen Gefühlsweise niemals für möglich gehalten hatte. Wie der Trotz ihrer Lippen und das wilde Ausflackern ihrer Blicke sich gemildert hatte, so war auch in ihr ganzes Wesen eine Milde und Ruhe gekommen, für die der Unerfahrene keine Erklärung fand. Unterwürfig und demüthig nahm Veilchen die leiseste Andeutung ihres Bruders wie einen Befehl hin, er war ihr Vater und Mutter zugleich und nie sind Eltern aufmerksamer von einem Kinde bedient worden, als dieser Bruder von seiner Schwester, die doch nur um drei Jahre weniger zählte als er. Eines Tages brachte ihr Ephraim einen jungen Canarienvogel, den er selbst von einer Bäuerin sich zum Geschenke erbeten hatte. Stundenweit trug Ephraim den Käfig mit dem unruhig flatternden Thierchen. Als er ihr den Vogel übergab, und ihr dabei sagte, wie sie ihn zu warten habe, da äußerte sich ihre Freude in fast überschwänglicher Weise. Bald küßte sie den Bruder, bald die hölzernen Stäbe des Käfigs . . . 12 *