Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 100)
- Language
- German
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76 mißachtet und demoralisircn. Wie nöthig aber sei, manchem unserer Leser eine klare Einsicht in dieseDinge zu geben, geht daraus hervor, daß dieses so lange ausrecht bestandene System noch jetzt nach seinem Sturze Trümmer und Blöcke zurückgelassen, worüber jüdische Eltern am meisten straucheln. Denn das ist der linsegen einer lange gepflogenen Bevormundung, daß sie zur lieben Gewohnheit, zum Bedürfnisse wird, und so ihre Kuckuckseier hinterläßt. Sich selber Einsicht in die Fortschritte seiner Kinder verschaffen, fällt Niemandem ein, denn wozu wären Prüfung und Zeugnisse, die darüber Auskunft geben sollen? Dabei gibt's Menschen, die so naiv sind, im Voraus die Antwort zu erkaufen, die man ihnen, falls sie sich erkundigen würden, geben solle. Denn das halbjährliche Diplom wird Ehrensache, reizt die Eitelkeit und eine Sucht nach papierner Bestätigung, eine Hetzjagd prüsungsgerecht zu werden, lassen keinen gedeihlichen Unterricht aufkommen. Um ein Zeugnis zu erlangen, werden dieJungen classenaus durch alle Stufen hinangesetzt, jeder will das Ziel recht früh erreichen, und die guten Leute denken nicht daran, daß das Reisen eigentlich bilde, nicht das Angelangtsein. Mögen jüdische Eltern, wie in alter Zeit, wieder selbst die Controlle über den Privatlehrer in die Hand nehmen, mögen sie nicht mehr zugeben, daß ihre Kinder von Examinatoren, die sie nicht zu kennen vermögen, aus derVogelperspective beurtheilt werden — und sie werden wieder tüchtige, kräftige, weil selbstständigere Hauslehrer erlangen, sie selber aber werden dann in der Wahl dieser behutsamer und in pädagogischen Dingen urthcilsfähiger werden. VI. Jedem das Seine. Es gibt bekanntlich drei verschiedene Schichten der Bevölkerung mit offenbar gesonderten Unterrichtsbedürsniffen, an deren Trennung bei dem Streben nach Einheit und Eonsormität nicht gedacht wird.