Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, achter Jahrgang 5622 (1861-1862) (1861)
- Date
- 1861-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 98)
- Language
- German
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74 Lehrer erzeugen, die bann nicht die Bildung des Schülers, sondern die Erlangung der Censnr, das »Durchkommen«, wie man bei uns sagt, anstreben. Man lauert dem Examinator seine Schwächen ab, unterrichtet nicht inehr, sondern präparirt blos sür die Prüfung. Mancher selbst honette Privatlehrer läßt sich dabei zu einer Schweiswedelei um den Examinator verleiten, die haarsträubend ist. Wir wissen z. B. Fälle, dass ein unwissender Examinator die Insel Ferro durchaus sür identisch mit dem Far-Oern, dagegen das deutsche Wort »Vieleck« für himmelweit verschieden von dem gleichbedeutenden Fremdworte »Polygon« hielt — und siehe da — es fanden sich Privatlehrer, die um der lieben Existenz willen Seine Majestät den König von Dänemark alljährlich über die Prüsungszeit mit der Insel Ferro belehnten, und dafür dem Vielecke die Rechte des Polygons absprachen. Wer will sich darüber wundern?! Vertrauen schenken, Verantwortlichkeit auferlegen, heißt Ehrgefühl entzünden, Gewissen wecken und schärfen; Mißtrauen, Bevormundung demüthigeu nicht nur und drücken nieder, sondern schläfern auch das Gewissen ein. Träge Denker freuen sich die Schablone zu haben, lässige Lehrer lieben Vorschrift und Begrenzung, und da es leichter ist aus Mißtrauen als ausVertrauenAnspruch zu machen, so hat sich indenPnvatlehrerstand eine Unzahl von bloßen Prüsungspräparatoren eingeschlichen, die diesen ehrenvollen Stand depraviren, und ihn von Tage zu Tage sinken niachen. Wie demoralistrend die ganze Procedur aus die Jugend roirkt, ist nicht schwer zu ermessen. Zuerst werden die Schüler bei diesen Massenprüsungen aus der Vogelperspektive beurtheilt, wobei der gründliche und daher eben befangene Knabe unscheinbar wird, und mit der Censur zu kurz kommt, während der vorlaute, schnippische, und weil die Klippen nicht kennend, erst recht dreiste Jtinge die besten Noten erschnappt. Dieser Undank des Prüfungsschicksales tritt noch deutlicher hervor, wo das Urtheil des Lehrers mit dem des Examinators inWiderspruch geräth, und die Schüler nicht mehr wissen, wem