Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 276)
- Language
- German
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250 Esther besann sich lange, welche Antwort sie dem Kinde geben sollte. Dann sagte sie rasch: »Es schadet nicht, wenn man stündlich und täglich zur Frömmigkeit gemahnt wird . . . und dein Vater weiß es gewisser besser, als Du, warum er es so oft thut. —« Blümele war von leichtrollendem Blut; derartige Antworten genügten ihr, und sie dachte nicht weiter nach. Jacob Löw hatte die Frage: ob sie fromm gewesen? so oft au sie gerichtet, daß sie ihr zuletzt zu einer Redensart wurde, der sie keinen Liefern Sinn unterlegte. Was sie zum ersten Male mit allen Schauern überfallen, das glitt im Laufe der Zeit von ihr ab, gleichgiltig und unbeachtet wie Alles, was durch gedankenlose Angewöhnung ein inhaltloser Schall wird. Schon hatte Blümele selbst jene Sicherheit erlangt, daß sie auf die gewohnte Frage ihres Vaters mit einem allzeit bereiten, lächelnden: Ja! antworten konnte. Sie wußte bereits, daß er keine andere Antwort erwarten wollte. — Seit einiger Zeit wurden die Geschenke Jacob Löw's an Blümele immer reicher und glänzender; er schien keine Grenze seiner Freigebigkeit mehr zu kennen. Ganze Ladungen feiner Leinwänden und Seidenstoffe brachte er nach Hause und schob sie mit einer Miene tiefster Befriedigung seinem Kinde zu. Es gab reichere Mädchen in der »Gasse«, aber keines konnte es Blümele an Glanz und Fülle ihres Anzuges gleich thun. Allgemein hieß es: an jedem Sabbat erschiene bei Jacob Löw das »Mode-Journal« — denn da kam Blümele mit irgend einem neuen Aufputz, der die kühnsten Erwartungen ihrer bewundernden Gespielinnen übertraf. Alles stand dem Mädchen vortrefflich; selbst dem unscheinbarsten Bande verlieh die Art und Weise, wie es sie zu binden und tragen pflegte, einen eigenthümlichen Reiz.