Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 269)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2609281-2609294--4615-2611963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
243 schon damals die Ahnung durchzuckt hätte, in diesen herrlichen Kinderblüthen liege ein böser Wurm! Im Gegentheile! im Vollgenusse des Anblickes, der ihm das Herz schwellte, dachte er an sein eigenes Sterben. Er mußte denken: »Siehe! wie dein Gott Dir es so schön eingerichtet hat! Wenn Du einmal von dieser Erde fortgehst, oder dein Weib, dann haben wir nach uns diese fünf prächtigen Knaben gelassen, und die sagen uns »Kadisch« nach!« Es ist dies jene seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandtheil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnißvoll; Engel sollen es vom Himmel herabgebracht und die Menschen gelehrt haben. Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Emmerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr, und dann am jedesmaligen Todestage, oder wie er in der Sprache der »Gasse« heißt, zur »Jahrzeit« sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft Lnne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den todten Eltern, daß ihr Kind ibrer gedenke; dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit! Fürwahr! wenn es irgend ein Band gibt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde aneinander zu ketten, so ist es dieses Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnißvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wäch- 16 *