Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 234)
- Language
- German
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208 Länger finden wir bei einer Schrift zu verweilen, welche ebenso von echtem Vaterlandssinn, wie von der edelsten Humanität durchglüht ist. Sie erschien im vorigen Jahre unter dem Titel »Kleine Beiträge zu großen Fragen« und man bezeichnete allgemein den unter allen Ständen mit gleicher Verehrung genannten (jetzt quiescirten) Vicepräsidenten Ritter von Kalchberg als deren Verfasser. Die Stellung, die er durch eine Reihe von Jahren in Galizien bekleidete, setzte ihn in die Lage die Judenfrage in Beziehung auf dieses Kronland gründlich zu studiren, und die Urtheile, die er hienach fällt, die Rathschlage, die er ertheilt, erhalten dadurch einen großen Werth. Was der Verfasser sagt, bezieht sich fast durchgängig auf die galizische Judenschaft, aus Anlaß der für sie beanregten Ausnahmsstellung. Aus der ganzen Schrift geht aber hervor, daß in Ansehung der übrigen Kronländer die volle Emancipation außer aller Frage gestellt sei. Charakteristrend sind Aussprüche wie die folgenden: »Dreierlei thut noth: daß man die Juden sittlich hebe, sie als volkswirtschaftliche Potenz wirksam benütze, Dankbarkeit und Vaterlandsliebe in ihnen wecke. »Sittlich heruntergebracht hat die Juden die tiefe Erniedrigung, welcher sie durch Jahrhunderte preisgegeben waren, Haß und Verfolgung, die Art vieler ihrer Geschäfte, welche sie veranlaßt, die Gesetze zu umgehen und zu Chicanen ihre Zuflucht zu nehmen, Habsucht und religiöser Zelotismus, Absorption des innerlich Sittlichen in dem formell Aeußerlichen, gegenseitige Vorschubleistung zu unerlaubten Zwecken.« Nach solcher Würdigung krankhafter Zustände wird man den Verfasser nicht der Parteilichkeit zeihen können und der Unbefangenheit seines Urtheils in folgenden Aussprüchen vertrauen.