Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 204)
- Language
- German
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178 Dritter Brief. Das sicherste Lebenszeichen einer Gemeinschaft bekundet sich in dem Bestreben, dasjenige, was sie wesentlich zusammenhält, um dessen Mittelpunkt sie sich schaart, auch stets sich und Anderen zu vergegenwärtigen und klar zu machen. Daß das Panier, was schon vor tausend und tausend Jahren in heitern und trüben Tagen ihr vorgetragen ward, das im Kampfe sie belebte und vor Untergang bewahrte, auch heute noch als Feuersäule sich erhebt, sie zu erwärmen und zu erleuchten, dieses Bewußtsein stets in sich wach zu erhalten und auch Anderen es beizubringen gehört zu den kräftigsten Pulsschlägen, wodurch eine Genossenschaft ihr gesundes Dasein bethäthigt. So konnte es auch nicht fehlen, daß das Streben, die Religion des Judenthums sich klar und bewußt zu machen, ihren Geist zu erforschen, das, was sie über das Verhältniß des Menschen zu Gott und dem Weltall, über ewige Zukunft u. s. w. lehrt, zu erfassen, die 'Stellung und den Beruf Israels inmitten der Völker der Welt, die ja allesammt zur Verherrlichung des Gottesreichs erschaffen sind, zu veranschaulichen, die denkenden Köpfe von jeher beschäftigte. Das Judenthum hat sich dieser hohen Aufgabe zu keiner Zeit entschlagen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie die Bücher Hiob und Koheleth, manche erhabene Prophetenstücke und Psalmen die tiefsinnigsten Wahrheiten erörtern, die universellsten Lehren über Gegenwart und Zukunft, Welt- und Völkergeschichte aufstellen. Auch die Fortbildner des Judenthums zur Zeit des zweiten Tempels und nach dessen Sturz b:s über die Völkerwanderung hinaus legten in dem umfassenden Archive, das uns aus jener Periode überkommen — Talmud und Midrasch genannt — manche bedeutungsvolle Sprüche und Allegorien