Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 87)
- Language
- German
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61 ihrer Nächstenliebe ruhen. Auf solchem Lager sich im Grab zu betten, ist eine schöne, fromme, heilige Sitte, die mit so mancher andern aus vergangenen Tagen selber nun zu Grab gegangen ist. In Deutschland erfuhr von den oben angeführten talmudischen Gesetzen zuerst die Tamhuj oder tägliche Speisecollecte ihre gründliche Veränderung. Man begreift nämlich, daß in Europa, wo die Kost eine mannigfaltigere, die Zubereitung eine verschiedene ist, die tägliche Einsammlung der Speisen aus allen Häusern unthunlich wäre. Zudem hatte die Abspeisung der Reisenden in einem Locale neben der Synagoge den Nachtheil, daß all die Landstreicher, dem ihnen wohlthätigen Verkehre mit ehrsamen Familien entfremdet, unter sich blieben, und noch mehr verwilderten, während beit Familien die ihnen durch Reisende zugeführte Belehrung und Erheiterung entzogen wurde. Als man daher die Wechselbriefe und die Geldaviso erfand, gerieth man auf den Gedanken, die Armenkost ebenfalls zu trassiren. Der Vorsteher gab Kostbillets a zwei oder drei Mahlzeiten aus, der Schnorrer präsentirte die Remesse zur Acceptation, die der Hausherr durch einfache Zusage vollzog, widrigenfalls der Gast Protest levirte und der Armenvorsteher eine Nothadresse anwies. Doch zog es mancher Hausherr vor, aus den im Hintergründe der Synagogen versammelten Reisenden sich seine Tischgenossen selbst zu holen. Außerdem errichtete man eigene »Schläfstätten« sogenannte Herbergen, deren Bettelvogt der »Lieberer« das ist der Diener des Beerdigungsvereines war, und welcher die Aussicht über verkommene Seelen hier und verwesende Leiber auf dem Gottesacker führte. Studirenden, die im Orte verblieben, räumtemanFreitische täglich in einem andern Hause ein, eine Sitte, die nicht wenig dazu beitrug, das Interesse für die Wissenschaft in den Fami-