Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, siebenter Jahrgang 5621 (1860-1861) (1860)
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2609281-2609294--4415-2611763- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
43 lern Säckel darbende Geizhälse gar keine Beachtung. Im Allgemeinen soll Niemand die Tamchuj ansprechen, der noch für zwei, Nienrand die Kuppa belästigen, der noch für vierzehn Mahlzeiten Vorrath hat. Die Betheilung hat mit aller Zartheit vorgenommen zu werden. Schon zur Zeit des Tempels bestand eine eigene Zelle, die »Halle der Verschwiegenheit« genannt, wo die Almosen heimlich irr eigene, oben enge, nach unten sich erweiternde, und daher Ln Gestalt eines Schosars geformten Büchsen hineingeworfen wurden. Judenfeinde, die so gerne mißverstehen, meinten daher jene, Büchsen seienBlaseinstrumente gewesen, um die Mildthätigkeit auszuposaunen. Wir wissen indessen, daß Juden eher ins Feuer sprangen, als Zeugen ihres Mitleidens zu dulden, und man oft das Brot des Nachts auf bte Straße bringen ließ, daß weder Geber noch Empfänger bekannt würden. Das Gesetz nimmt folgende Stufenleiter der Wohlthätigkeit an: Aufhelfung der Armen zur selbstständigen Ernährung und Arbeit, Almosen, ohne daß sich Geber und Empfänger kennen, Almosen, wobei wenigstens der Erstere nicht gekannt ist, oder doch mindestens der Zweite unentdeckt bleibt. Kennen sich beide, so gebe mau doch unaufgefordert; wo dies nicht, so doch mit vollen Händen. Thuet man weniger als man kann, so zeige man wohlwollende Miene, denn auf der mebrigfte» Stufe stehet und sträflich ist, wer unmuthsvoll gibt. Verschämten Armen bringe man mit seinen Kunstgriffen die Unterstützung bei, und muntere sie auf, die Gaben anzunehmen. Hierher gehört noch eine eigenthümliche Sitte, die uns einen Blick ins Herz des Volkes gewährt. Am Versöhnungstage war es nämlich zur Zeit des Tempels Brauch, daß die Jungfrauen festlich geschmückt durch die Weinberge zogen, Tänze aufführten und die Junggesellen zur Brautschau hinaus-