Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 256)
- Language
- German
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218 schreien . . . und es wird Alles vergebens sein. Weißt Du, was in unserer heiligen Thora steht? Als die Rede davon ist, daß die Kinder Israel durch das Land der Emoriter ziehen sollen, da sagen sie: »»Wir wollen des Königs Straße ziehen, und wollen nicht rechts und nicht links gehen.«« Siehst Du, Genendel! So wollen wir auch sagen. Unseres Königs Straße die geht in den Krieg, da darf Keiner zurückbleiben, der eine gesunde Ader im Leibe hat. . . Und Du jammerst und schreist?« Genendcl schöpfte aber aus den Worten des Buchhalters keinen Trost, sie seufzte tief auf, als dieser jetzt schwieg. Was wußte sie von der geradeaus führenden »Straße des Königs« und von der Pflicht, nicht nach rechts und nicht nach links auszuweichen. Sie vernahm nur ein einziges Wort und das lautete: Krieg! War das nicht eine Straße, die über die zerschossenen und verstümmelten Glieder ihres Kindes ging? Und als in diesem Augenblicke, wie gerufen, ihr Sohn Marcus, ein schlankgewachsener Junge, zur Thüre hereintrat, da brach sie in lautes Schluchzen aus und fiel ihm mit dem schmerzvollen Ausrufe um den Hals: »Marcus, mein Sohn, Du mußt in den Krieg! in den Krieg mußt Du, Marcus, mein Kind!« Es traf sich gut, daß diesem Borgange durch den auf der Gasse erschallenden Ruf »in Schul« ein Ende gemacht ward. Die Männer brachen zum Abendgebet auf. — Es soll um den Schlaf einer Mutter etwas Heiliges sein, Engel weben um ihn ihre Schleier und bewachen ihn mit fächelnden Fittigen. Wehe aber demjenigen, der Angst und Sorge und in ihrem Gefolge die bösen Träume der Nacht über ihn schicken, daß sie das zarte Gewebe mit ihren spitzen Krallen zerreißen! Sein Auge wird einst ruhelos sein und, selbst zu Tode ermüdet, sich nicht schließen können. i