Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 255)
- Language
- German
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217 »Was schreist Du so, Genendel,« meinte der Schneider, »bis dato seh' ich noch nicht, daß marschirt wird.« »Krieg, sagen Sie, wird werden, Rebb Feiwel Leben?« schrie Genendel, indem sie sich dicht an den Alten hingestellt hatte. »Krieg, sagen Sie, und dazu noch ein großer? Lebendiger Gott, da muß ja mein Sohn Marcus mit!« Das sonst schon blasse Antlitz des Schneiders wurde jetzt mit einem Male zum Erschrecken fahl. Das hatte er nicht bedacht, wie ein Messerstich ging ihm der Gedanke durch die Seele, daß sich auf der Wanderschaft ein erstgeborner Sohn befand, der für das zwei- farbige Tuch wie gewachsen war. »Wie alt ist denn dein Sohn Marcus?« fragte der Buchhalter. »Auf Purim wird er gerade zwanzig Jahre alt,« sagte Genendel mit leiser, furchtsamer Stimme. Es mochte ihr in diesem Augenblicke fast gefährlich Vorkommen, das »militärpflichtige« Alter ihres Sohnes vor so vielen Leuten zu verrathen. »Da kann ich Dir nicht Helsen, Genendel,« sagte der Buchhalter nach einer Weile. »Und ist auch kein Fehl an ihm?« »Gewachsen wie ein Baum im Walde!« rief Genendel in einem Tone, woraus mütterlicher Stolz und Schmerz zu gleicher Zeit klangen. »Da werden »Sie« ihn Dir nehmen!« meinte der Alte fast trocken. »Mein Marcus muß also in den Krieg?« schrie Genendel, indem sie die Hand des Buchhalters stürmisch an sich riß, als hätte er allein in diesem Momente über das Geschick ihres Kindes die entscheidende Stimme auszusprechen. »Schrei nicht, Genendel,« sagte der Buchhalter, indem er seine Hand aus der Umfassung der Frau zog, »und mäßige Dich. So wie Du werden tausend und aber tausend Mütter rufen und