Mannheim
Compact Memory

Kalender und Jahrbuch für Israeliten · 1859-01-01 · Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859) · p. Seite 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Kalender und Jahrbuch für Israeliten
Volume
Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
Date
1859-01-01
Page
Seite 57 (sequence 95)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2609281-2609292--4151-2611498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5? haben für sie keine Worte, keinen Blick, kaum einen Gruß. Was lastet auf diesen armen Leuten? Die Stunden verrinnen für sie bleiern. Sie warten. Jetzt rollt ein Leiterwagen heran, Mann und Frau treten einen Schritt vor, ein Strahl der Hoffnung leuchtet auf ihren Gesichtern. Fradel und Gcrschon steigen aus, staub- und schweißbedeckt. Der Wirth stößt seine Frau an. »Kennst sie?« fragt er leise. »Nein.« »Sprich mit ihr.« Und der Mann trat bei Seite. Ehe zehn Minuten vergingen, kannte die Wirthin Fradels Lebensgeschichte, den Zweck ihrer Reise und die Tugenden ihres Sohnes. Sie hört mit wachsender Freude, ihr Auge hängt auf Gerschons Gesicht mit Mutterblick. »Kann er lernen?« fragte sie. »Wie ein Guon«, erwiedert die Mutter mit Ueberzeugung. Der Wirth war herangetreten. »Ich habe eine Tochter«, sagte er, »eine Prinzessin; sie ist zu klug; schön ist sie wie der Tag, Geld hat sie auch. Ich stoße meine Kinder nicht nackt heraus und bin nicht arm. Seht in meinen Stall, es sind Kühe darin, Ochsen und Pferde, die Scheune ist nicht leer und auch nicht der Keller. Meine Tochter hat noch keinen Manu nehmen wollen, sie ist aufgeklärt, wir haben geweint und sie beschworen, gestern Nachts hat sie sich erst entschlossen zu Heimchen; heute haben wir einen Boten in die Stadt geschickt für Mirele einen Mann zu suchen, er ist noch nicht zurück. Wollt Ihr uns euren Sohn soll leben zum Eidam geben?« Fradel stand auf dem Höhepunete des Glückes. Eine Viertelstunde darauf saßen Mirl und Gerschon einander gegenüber. Der Eine sprachlos, die Augen am Boden, die Schamröthe im Gesichte; die Andere eine Wolke auf der Stirne und eine Thräne im Auge.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.