Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2609281-2609292--4150-2611497- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 »Rabbi«, sagt Fradel, »segnen Sie meinen Sohn Gerschen soll leben, ich suche ihm eine Braut, Rabbi.« Der Rabbi legt seine Rechte aus das rasirte Haupt des Knaben und murmelte ein leises Gebet. »Reise heim«, sagte er dann, »die Braut wartet.« Mutter und Kind lächeln selig. III. Es ist Freitag Mittag. In dem am äußersten Ende des Dorfes an dem Fahrwege liegenden Wirthshause ist die geschäftige Thätigkeit der Hausleute auf dem Höhepunct: der Messingcandelaber an der Balkendecke der großen Stube wird blank gerieben und mit kleinen Talglichtern besteckt, Bürste und Besen Hausen in jedem Winkel, nasse Stellen erhalten eine Sandlage und die eichenen Tische weiße Hüllen. Kinder werden gewaschen und gekämmt und weißgekleidet. Die Thiere im Stalle werden versorgt und auch für zweibeinige Esser liegt die Nahrung zweier Tage aufgehäuft. Der Erlös des Tages ist aus der Holzbüchsc am Schanktische geholt, und die Herrschaft an demselben einem christlichen Dienstboten für die Dauer des Sabbats übertragen worden. Fromme Reisende kommen angesahren, hier ein Asyl suchend, und jede Minute führt neue Gäste in's belebte Haus, in welchem oft zehn Personen eine Stube theilen, und in ziemlicher Nachbarschaft ihr Strohlager aufschütten müssen. An der Einfahrt warten Wirth und Wirthin unruhig, ängstlich, ungeduldig. Sie eilen jedem Wagen entgegen, der Gäste in ihre Herberge bringt, sie mustern die Ankommenden und kehren jedesmal mißvergnügt auf ihren Posten an der Hausschwelle zurück, ohne ihnen jene Aufmerksamkeit zu schenken, die sie zu jeder andern Zeit in diesem Hause gefunden hätten. Es rollen Caleschen in's Haus, es steigen wohlhabende Leute aus — Wirth und Wirthin