Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 96)
- Language
- German
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58 Es ist ein kräftiges, schönes Kind, mit braunen Haaren und Augen und intelligentem Gesichte; im Dorfe geboren und ausgewachsen, verdankt sie sich selbst eine einigermaßen bessere Erziehung. Sie ist die Gelehrte des Dorfes und beinahe Advocat; jeder Bauer läßt sich von ihr seine Beschwerden schreiben, Gesuche aufsetzen und Entscheidungen lesen. Mirl's Eltern sahen ungerne diese Richtung, konnten sie aber nicht hindern. Lehrer hielten sie dem Mädchen keine, was sie weiß, das dankt sie sich selbst und überdies ist sie dem Hause segenbringend; sie führte Reinlichkeit und Ordnung ein, und jeder Reisende sucht hier gerne Ruhe und Erfrischung. Heirathen wollte sie durchaus nicht, sie wußte sich zu jung und daß am Hochzeitstage ihre Freiheit und die glückliche Sorglosigkeit eingcsargt werden; sie widerstand lange. — Da kam der fatale Oktober, mit Angst, Schrecken und Heirathswuth das ganze Land überziehend, die arme Mutter rang die Hände und weinte, der Vater bat und drohte. Mirl opferte sich und ergab sich voll Resignation in den Willen der Eltern. Ueber ihre Weigerung vergingen viele Tage, die Zeit drängte und dem Mädchen war nun jede Wahl benommen. So sitzt sie schmcrzerfüllt, eine Verurtheilte ihrem unbekannten Bräutigam gegenüber. Niemand ist im Zimmer, denn alle Hände sind mit den eiligen Vorbereitungen zur Trauung, die noch in dieser Stunde stattfinden sollte, beschäftigt. Es rast eine ungeheuere Thätigkeit durch alle Räume des großen Hauses, Geschrei, Gepolter, Geklirr und Gelächter. Die Speisevorräthe werden geplündert, Kasten und Kisten durchwühlt, zehn zurechnungsfähige Männer zur Trauungsceremonie recrutirt, die Bauern rennen herbei und lucken in die Fenster, ein Bote jagt in die Stadt, Taleth und Streimal kaufen, ein schreibfähiger Reisender, den der Himmel gnädig in's Haus geführt, setzt den Heirathspact auf; der Sabbat ist vor der Thüre und Alles hat Flügel angesetzt, und bevor die Schatten der Nacht sich senkten, ist die Feierlichkeit glücklich vor-