Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, sechster Jahrgang 5620 (1859-1860) (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2609281-2609292--4129-2611476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 verboten, jüdischen Wöchnerinnen beizustehen, es wäre denn, daß die Jüdin Gefahr liefe, zu »crepiren« so lautet der höchst eigene humane Ausdruck des liebevollen Gesetzes — womit das oben Gesagte über die Behandlung der heidnischen Sclavenleichen Seitens der Juden zu vergleichen ist. Unterdessen wogten im Lause der Zeiten Beschränkungen und wieder Concessionen auf und nieder; die Ebbe in dem einen Lande hatte die Flut in dem andern zur Folge. Gesetze wurden erlassen, umgangen, vergessen — und wie im tiefen Walde welkes Laub, vom Herbstwind über den Moder noch altern Laubes hingeschüttet, jeden Schritt unsicher macht, so verschlingt sich der Fuß zwischen bunt durcheinander liegenden Judenordnungen und Judenrechten, die für kurze Zeit auf- und wieder abgeblüht hatten, wo wir den dunklen Forst des Mittelalters durchirren. Die Juden aber blieben dem angestammten Gesetze, das dem Dienstboten Schutz, Achtung, ja Erziehung gewährt, stets treu, und gewannen durch Liebe, was ihnen die Macht versagte. VI. Ein Blick in die Gegenwart. Die Klage über Mangel an guten Dienstboten ist heutzutage eine allgemeine, eine drohende geworden, und die Frage, wie dem abzuhelsen, hat viele Federn in Bewegung gesetzt. Die heutigen Dienstboten sind weder Leibeigene noch Freie, weder Barbaren noch civilisirte Menschen, weder in friedfertiger Unwissenheit über das Heer künstlicher Bedürfnisse, noch zur Selbstbeherrschung und Genügsamkeit herangebildet. Dem unmittelbaren Naturleben schon entfremdet, für eine idealere Welt noch nicht gereift, stehen sie zwischen roher Uncultur und überfeinerter Civilisation in der Mitte, den Schatten beider an sich tragend. Neben dem Strudel der glänzenden Kreise stehend, umwirbelt vom Rauschen der vornehmen Welt, lernen sie nur die kleinlichen Triebfedern, die die eleganten