Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 268)
- Language
- German
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224 Der Lehrer blickte verblüfft die kleine Schülerin an. Er war solcher »Ansschreitungen« an ihr sonst nicht gewohnt. »Nun?« »Sagen kann ich's nicht, aber ich werde es schreiben!« rief die Tochter der Federschleißerin mit unerklärlicher Heftigkeit. Dann schrieb sie etwas rasch, indem sie dabei die linke Hand wie einen Schirm davor hielt, damit der Lehrer es nicht sogleich lese, und schob ihm dann, sich blitzschnell abwendend, den Schreibbogen hin. »Sidonia!« ries Arnsteiner mit vor freudiger Ueberraschung bebender Stimme. Nach einer Pause, während welcher Sali ihr dem Lehrer abgewandtes Antlitz nicht zu zeigen wagte, sagte Arnsteiner, indem er mit starken Schritten dabei in der Stube auf- und niederwanderte, Sali's Schreibbogen in der Hand: »Wunderbar, höchst wunderbar! Was soll ich sagen? Wie soll ich mich fassen? — Ein leibhaftes Wunder hat sich vor meinen Augen zugetragen Denn ich will es Dir nur gestehen, Sali. Du hast mit diesem Worte »Sidonia« einen Meisterwurf gethan, wie cs in »Wilhelm Tell - von Schiller im dritten Aufzuge heißt. Das »S«, wie Du's da »iedergeschrieben, ist werth, daß man es unter Glas und Rahmen stellt, und ich zweifle, ob mir selbst ein gleiches gelingr. Sali, in Dir steckt etwas! Sage mir nur, wie ist das zugegangen?« »Gerade den Namen möchte ich sehr schön schreiben können,« meinte die kleine Sali und stockte. »Warum?« fragte Arnsteiner hastig. »Haben Sie mir denn gestern nicht vorgelesen?« lispelte die Tochter der Federschleißerin fast unvernehmbar. Jetzt wurde der Lehrer roth bis zur Stirn; er drehte sich um. Dann ging er mit starken Schritten die Stube auf und nieder. Nach