Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, fünfter Jahrgang 5619 (1858-1859) (1858-1859)
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 128)
- Language
- German
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84 der ärmsten und würdigsten derselben unter den Wünschen aller wahrhaft loyalen und frommgesinnten Israeliten dieses Kronlandes unstreitig obenan stehe. Dahin hatten sich früher schon die israelitischen Dertrauensmänner ausgesprochen, die von Sr. Excellenz dem damaligen Herrn Jnterimsstatthalter Freiherrn v. Gehringer zur Entwerfung eines Organisationsplanes für die israelitischen Cultusgemeinden in Ungarn berufen worden waren. Auch in Böhmen und Mähren wurde diese Frage beinahe zu gleicher Zeit flüssig, und sind uns die sehr wohlgemeinten, echt Menschen Anträge des Herrn Kreisrabbiners Albert Lohn zu Raudnitz in Böhmen (Wiener Blätter, Jahrgang 1850) noch in guter Erinnerung. Noch zwei Momente sind bei dieser hochwichtigen Frage ins Auge zu fassen, wenn deren Dringlichkeit überhaupt eines weitern Beweises bedürfte. Den meisten Rabbinern der alten Zeit war bei all ihrem Eifer, bei all ihrer Hingebung im Dienste der hohen Lehre die »Charis der Wissenschaft« so gut wie fremd; die Musen vollends dursten ihren Lippen kaum nahen, geschweige denn sie küssen; aber Würde, das erhebende Bewußtsein ihres heiligen Berufes ging nur Wenigen ab. — Bei aller Mangelhaftigkeit ihrer Menschenkenntniß, ihrer Weltanschauung waren und blieben sie der Brennpuiict alles geistigen Lebens in ihren Gemeinden, das Orakel von Fern und Nah, und — war das Volk viel eher bereit, sie für sublimer zu halten, als sie sein mochten, denn gar mit Verdächtigungen und Anklagen so schnell bei der Hand zu sein, wie man es an so vielen Orten heut zu Tage ist. Heute nun stehen die Sachen anders, doch schwerlich besser. Minder verwahrlost zwar ist bei den meisten meiner Amtsbrüder das Aeußere;allein wie schwer wirdes nicht dem Würdigsten, das volle Berttauen, die Hochachtung feinet: Gemeinde zu gewinnen I Wie selten und wie spät oft wird ihm jene Geltung, ohne welche nachhaltiges Wirken so gut wie unmöglich ist!