Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 325 (sequence 366)
- Language
- German
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325 Du täuschtest Dich, gute Eitel, in diesem Augenblicke! Du standest wirklich vor deiner eigenen Tochter, und die eigene Mutter hätte nicht milder und weicher denken können. Zuerst wollte sie in einer Aufwallung vonZorn das Buch vom Kopfkissen wcgnehmen; es war ihr, als sähe sie Feuer und Flamme neben dem Haupte des Kindes, und dies mußte vor allem gelöscht werden. Aber schon in der nächsten Minute bedachte sie sich eines Andern! sie durfte das Kind ja nicht wecken! »Sie soll schlafen, so lang sie will,« murmelte sie vor sich hin, und leise, wie sie gekommen war, entfernte sie sich wieder aus dem Schlafstübchen. Das Mittagessen mußte gerüstet werden. Mitten im Mahl fragte mit einem Male Rebb Feiwel, als ob ihm die Sache erst jetzt einfiele: »Wo bleibt denn das Prinzcssel? Verschmäht sie unsere Kost?« »Sie schläft noch,« entgegnete Eitel mit gesenkten Augen, als schäme sie sich dieses Geständnisses. »Eitel!« ries der alte Bauer, und legte vor starrem Erstaunen Messer und Gabel vor sich, »das ist ja menschenunmöglich!« »Warum hast Du sie eine Grund' weit laufen lassen, zuFuß, so ein verwöhnt feines Kind?« sagte die Bäuerin in beinahe gereiztem Tone; er sollte wahrscheinlich das Unzulängliche dieser Anklage übertönen. »Ich kann Dir schwören darauf, Gitel,« sagte der alte Bauer, »sie ist nicht eine Viertelstunde weit gelaufen. Beim heiligen Jo-, Hannes ist sie ausgeftiegen, und von da lauft man doch nicht eine Stunde bis in unser Dorf?« »Die Mutter hat Recht,« meinte Joffes, und Hielt dieAngen aus seinen Teller geheftet; »wenn man etwas nicht gewöhnt ist, so kommen Einem zehn Schritte wie eine Meil' vor.«