Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 324 (sequence 365)
- Language
- German
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324 Hofs hinein/ konnte doch nicht gar so krank sein! Als aber dieSonne immer hoher und höher stieg/ der Mittag nicht mehr ferne, und das Rädchen noch immer nicht aus dem Stübchen gekommen war, da erfaßte große Angst die wackere Eitel. Bon einem so lange währenden Schlafe hatte die thätige Bäuerin keinen Begriff. Mit unhörbaren Schritten nahte sie sich dem Stübchen und horchte zuerst. Nichts regte sich. Da drückte sie aus die Klinke und trat ein. Da lag das Mädchen und schlummerte noch. Die Sonnenstrahlen hatten sich breit und weit einen Weg durch das Fenster gebahnt, und spielten um das seine Antlitz des »Kindes,« daß es eine anmuthige, fast durchsichtige Rothe angenommen hatte. Die Bäuerin stand vor Verwunderung eine Weile da, und wagte kaum zu athmen, denn ein so holdes Bild jungfräulicher Schönheit hatte sie noch nie erblickt. Jenes Gefühl seligen Mitleids, wie es Mütter beim Anblick eines schlafenden Kindes empfinden, das sie nicht gerne wecken wollen, durchzog auch sie. Sie hatte nicht den Muth, die Ruhe dieses Kindes zu stören. Aber mit dem scharfen Blick einer Mutter entdeckte sie auch sogleich die Ursache dieses in den vollenTag hineindauernden Schlafes. Bon der ganzen Kerze, die sie vor dem Schlafengehen angezündet, war ein winziges »Stümpchen« übrig, und aus dem Kopfkissen lag ein offenes Buch, auf welchem ein Arm des Mädchens ruhte, als wollte sie es schützen. »Lebendiger, großer Gott,« schrie es innerlich in dem Herzen der Bäuerin auf, »und die soll nicht krank sein! Sie muß ja die ganze Nacht gelesen haben, woher soll dem Kind dann Kraft kommen? Was hat sich die Hannele Ehrenfeld nur gedacht, daß sie das hat zugeben können. Lebendiger Gott! wenn mir so eine Tochter war' beschert worden . . ., ich hätt' sie ja behütet wie meinen Augapfel.«