Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 364)
- Language
- German
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323 und sah ihnen ins Auge. Ost seufzte sie tief auf aus tiefster Seele; die Größe der Verantwortlichkeit, die sie mit der Aufnahme des Mädchens in ihr Haus übernommen, stand vor ihr drohend; sie wußte sich keinen Rath. Mann und Sohn waren dazu nicht zu gebrauchen, sie hatten sich ja, der Eine gleichgiltig, der Andere aber mit unverholenem Widerwillen gegen den Gast ausgesprochen. Wenn das Mädchen wirklich krank war, wie die Doctvren behaupteten, und in ihrem Hause nicht gesund würde, welche Qualen für dieZukunft hatte sie sich aufgebürdet! Wenn das Kind, fern von seiner Mutter, bei ihr stürbe! Man sieht, die wackere Bäuerin hatte den Muth, selbst dem Aeußersten ins Angesicht zu sehen; aber trotzdem brachte ihr der bloße Gedanke eisige Schauer. Doch dagegen sprach sich auch eine andere Stimme, die der Hoffnung, aus; das Kind sei gar nicht so krank, als wofür es ausgegeben werde, flüsterte ihr diese nimmermüde Trösterin zu; es sehe zwar blaß und fein aus, das käme aber von dem vielen Lernen und Bücherlesen her. Wenn man ihr das abgewöhnen könnte . . . Wahrlich! Eitel hätte nicht sagen können, wie sie das anstellen wolle; sie war keine gelernte Pädagogin. Alles, worauf sich ihre Beweisgründe gestützt hätten, wäre der Satz gewesen: »Dem Kind muß geholfen werden.« Man hatte es ihr anvertraut, seine Mutter hatte es ihr, einer Mutter, übergeben — und wir wissen, daß die wackere Bäuerin ihre Freundin nicht vergessen hatte! Der Morgen war längst herangebrochen; im Hause rumorten Knechte und Mägde herum, und dazu lachte die freundlichste Sonne am Himmel. Auch die Bäuerin war längst an ihreGeschäfte gegangen, kummervollen Eemüthes, denn der Morgen hatte ihr keinen Rath, keine Erlösung gebracht. Das Mädchen schlief noch, unbekümmert um den Lärm, den die Bäuerin trotz alles Zuredens nicht beschwichtigen konnte. Eitel freute sich über diesen Umstand; wer so ruhig schlafen konnte in den gcräufchvollenMorgeneinesBauern- 21»