Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 346)
- Language
- German
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305 komm er nicht umhin, aiö die Mutter nun geendigt hatte, lächelnd zu fragen: »Darf man schon lesen, Herr Oberst?« »Um Gottes, des Lebendigen Willen,« rief die Bäuerin mit einem Male fast entsetzt aus, »Hannele Ehrenfeld wird doch in kein Unglück gekommen sein . . . fie wird mich doch nicht etwa brauchen?« »Sei ruhig, Mutter,« sagte lächelnd der Sohn, »brauchen will fie Dich wohl, aber mit dem Unglück sieht es gar nicht so arg aus.« Ein tiefer Seufzer kam aus der geängstigten Seele der wackeren Frau, es schien, sie glaubte der Versicherung des Sohnes nicht ganz recht. Dann aber ermannte sie sich. »Und jetzt lies, Joffes,« rief sie mit großer Entschiedenheit. »Herzliebste Eitel Leben!« beeilte dieser sich zu lesen. »Sie erinnern sich gewiß nicht mehr an eine gewisse Hannele die vor mehr als dreißig Jahren ist Ihre beste uno treueste Freundin gewesen. Es war uns aber Beiden von Gott bestimmt, daß, wir nicht sollten beisammen bleiben; denn wie hat meine gute Mutter (mit der der Friede sei!) immer gesagt, wenn die Red' auf die Bestimmung eines Mädels gekommen ist? Ein Mädel, hat sie gesagt, ist wie ein Federl, man weiß nicht, wo es aus der Lust niederfällt. Und noch Eins, herzliebste Eitel Leben, wenn man endlich den Mann bekommen hat, und wenn das Federl endlich niedergefallen ist — dann erst hat man Beispiele auf Beispiele in allen möglichen Sorten und Gattungen, daß dasFederl gern wieder ausgeflogen und ganz verschwunden wär'! Besonders wenn Einem Gott das Unglück zugeschickt hat, und macht Einen vor derZeit zur Witwe. Dreißig Jahre habe ich mit meinem seligen Ehrenfeld in Leid und Freud zugebracht, Sie haben ihn ja gekannt, herzliebste Eitel Leben, was er, zur Buß' gesagt, für ein elend Leben auf Jahrb. f. Jsr. 1858. 20