Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Journal
- Kalender und Jahrbuch für Israeliten
- Volume
- Neue Folge, vierter Jahrgang 5618 (1857-1858) (1857-1858)
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 304 (sequence 345)
- Language
- German
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304 »Herzliebste Eitel Leben!« »Don wem ist denn der Brief?« unterbrach ihn die Bäuerin, ohne zu bedenken, daß sie eigentlich ihre etwas mangelhafte Lesekunst verrieth. »Unterschrieben steht: Hannele Ehrenfeld,« sagte der Soldat gleichgiltig. »Gott! Lebendiger,« rief die Bäuerin und that fast einen Sprung von ihrem S'tze weg, »ist das nicht die Hannele,- die mit mir vor dreißig Jahren in ein Cheder (Schule) gegangen ist?« »Es steht nur unterschrieben: Ihre aufrichtige Freundin Hannele Ehrenfeld,« sagte der Soldat trockenen Tones. »Nun, dann ist sie es gewiß,« schrie die Bäuerin, »möcht' sie sich denn unterschreiben: Ihre aufrichtige Freundin, wenn sie's nicht wär'? Ich möcht meinen Kopf darum geben, daß es dieselbe Hannele ist, die vor dreißig Jahren meine beste Freundin gewesen war; es kann gar keine Andere sein. Nicht zehn Schritte auseinander haben wir gewohnt; ich Hab' den ganzen Tag bei ihr gesteckt, sie bei mir, wir waren wie Zwillinge. Später sind wir auseinander gekommen, wie das schon unter Mädchen zu gehen pflegt, das Eine muß dahin, das Andere dorthin. Hat denn ein Mädchen einen Willen? Ich Hab' deinen Vater mir genommen und bin aufs Dorf heraus, sie ist in der »Gasse« geblieben und hat den reichen Ehrenfeld geheirathet, den ich auch hätte haben können. Ich Hab' aber nicht gewollt, weil mir dein Vater lieber war. Seitdem Hab' ich sie nicht gesehen — und jetzt schreibt sie mir nach dreißig Jahren. Hannele Ehrenfeld schreibt mir zuerst. Da muß etwas ganz Außerordentliches vorgegangen sein.« Sv hatte die Bäuerin in ununterbrochenem Redeflüsse ihrer VerwunderungüberdieBriefschreiberinLust gemacht; derSohn hatte sie reden lassen, denn es lag wahrscheinlich in seiner Disciplin, seinen Vorgesetzten in dessen Rede nicht zu unterbrechen. Dennoch